Stadtgespräch

Interview: Anke Engelke zu Besuch bei KÄNGURU

Redaktion · 16.09.2016

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© Norbert Breidenstein

© Norbert Breidenstein

Moderatorin und Schauspielerin Anke Engelke spricht mit KÄNGURU über Köln – und über den neuen Kinofilm „Findet Dorie“. In dem Animationsabenteuer leiht sie der Doktorfisch-Dame Dorie ihre Stimme.

KÄNGURU: Um welche Themen geht es in „Findet Dorie“?

Anke Engelke: Bei „Findet Dorie“ ist die zentrale Geschichte die Suche nach der Familie. Es geht um den Wert der Familie. Wie dringend braucht man Familie? Und es werden neue Freundschaften gebildet. Es gibt eine zentrale neue Hauptfigur, einen Septopus – kein Oktopus, sondern ein Septopus mit sieben Armen. Es geht um Freundschaft und darum, wie man sie praktiziert.

Geht man als Synchronsprecher eine Beziehung zu einer Trickfilmfigur ein? Entdeckt man Ähnlichkeiten zwischen sich und der Figur?

Nein und nein: Beim Synchronisieren ist man ja auch Schauspieler, das heißt, man behauptet, jemand anderes zu sein. Und nach Parallelen oder Unterschieden zu suchen, das würde mich glaube ich hemmen, da enstünde so eine Abhängigkeit zwischen der Figur und mir. Außerdem habe ich schon so viele Tiere gespielt, einen halben Zoo, dass ich durcheinander käme, wenn ich jedes Mal überlegen würde: Was daran bin ich? Das Vergnügen bei der Schauspielerei ist für mich, immer bei Null anfangen zu können.

Ist denn Synchronisation überhaupt Schauspiel?

Aber ja! Man spielt ein anderes Wesen, klar! Auch physisch. Man bewegt sich ja auch, zum Beispiel bei einer Verfolgungsjagd unter Wasser – da geht der Körper mit. Das muss, darf, soll man auch. Inzwischen sind die Mikrophone aber so wahnsinnig empfindlich, dass sie jede Bewegung wahrnehmen, auch das Heben einer Hand! Die werden immer empfindlicher. Jede Bewegung, jeder Abstand, das Geblubber in meiner Sprudelflasche, das alles wird nebenan vom Tontechniker gehört.

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Anke Engelke leiht Dorie ihre Stimme. © Disney/Pixar

13 Jahre nach „Findet Nemo“ erscheint nun der zweite Teil „Findet Dorie". Wie haben sich Kinderfilme generell verändert?

Tempo, Tempo, Tempo! Die ersten Animationsfilme, die ich gesehen habe waren „Robin Hood“ und das „Dschungelbuch“. Solche Klassiker werden ja nur noch in Programmkinos gezeigt, gern in neukolorierter oder 3D-Version, weil es thematisch vielleicht noch interessant für Kinder ist, aber nicht mehr in der Machart. Tempo ist ein ganz großes Thema – elegisch erzählte Handlungsstränge gibt es heute gar nicht mehr ... (denkt länger nach) Ich gehe viel ins Kino mit Kindern. Da kommen Kinder raus, die so hyper sind, dass ich erschrecke. 3D macht denen nix. Die kommen raus und sagen: „Kann ich jetzt Computer spielen?“ Ich bin aber auch wirklich wahnsinnig altmodisch, ich bin eine einzige Retrospektive. Mir ist das alles too much. Ich bin echt für Käsebrot und ne’ zünftige Radtour.

Du synchronisierst Kinderfilme und moderierst bei der Sendung mit dem Elefanten. Warum arbeitest Du für Kinder?

Ich tippe mal, das hat damit zu tun, dass ich so früh begonnen habe zu arbeiten. Als ich mit dem Moderieren beim Radio anfing, war ich elf. Mit 14 habe ich in den Sommerferien wochenweise täglich eine Live-Sendung moderiert. Ich habe schon ganz früh die Chance gehabt, zu gucken, was ist kindgerecht, ohne zu wissen, wie man kindgerecht überhaupt schreibt. Offenbar habe ich früh Spaß daran entwickelt, anderen etwas zu erklären und sie mitzunehmen in eine Welt, die ich spannend fand.

Besonders toll an Köln finde ich ...

(Anke lacht) ... dass man es lieben kann, obwohl es gar nicht so schön ist. Eine recht hässliche Stadt, eine zerbombte, architektonisch etwas missratene Stadt. Aber sie ist schön, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, nach der Schönheit zu suchen. „Liebe deine Stadt“ ist ein gutes Credo. Ich laufe an dem Schriftzug an der Nord-Süd-Fahrt immer vorbei, und rufe „Jaaaa! Mach ich!“

In Köln fehlt für Familien ...

Ich beobachte zu oft, dass Familien mit Kindern im öffentlichen Raum nur in Nischen wirklich geschützt sind – also wenn etwas explizit ein Kinderfestival ist, ein Kindercafé und ein Kinderspielplatz. Aber das sind geschützte Räume, die ganz schnell Nischencharakter haben, da wird man hingeschoben. Mir würde es gut gefallen, wenn es ein besseres Miteinander gäbe. Wenn Bürgersteige zum Beispiel breiter wären, wenn Straßen schöner gestaltet würden in Köln. Wenn Geld nicht ausgegeben würde für das Abholzen von Bäumen, wie jetzt an der Rheinufer-, Schönhauser- und Bonner Straße. Das ist ein ziemlicher Skandal, dass mehr Straßen gebaut werden. Man muss den öffentlichen Personennahverkehr und den Fahrradverkehr ausbauen. Immer mal nach Skandinavien gucken! Einfach mal die Kölner Verkehrsplaner nehmen und nach Skandinavien schicken!

Dein Tipp für Familienausflüge

Ich finde eigentlich alles am Rhein gut. Ich finde es toll, mit der Bahn am Rhein entlang zu fahren, also vom Ubierring aus einfach gen Süden. Das macht großen Spaß. Ich finde viele Parks in Köln gut angelegt. Aber auch das sind ja Nischen. Da steht ganz groß drüber: „Hier dürft ihr hin, denn hier sind keine Autos.“ Und ich mag die Veedel, die mit Liebe und in Gemeinschaft geplanten Straßenzüge. Und ganz toll ist der Carlsgarten in Mühlheim.

Ein Kölner, den du gerne kennenlernen willst ...

Ich habe mir mal gewünscht, Karin Beier kennenzulernen. Die habe ich dann auch kennengelernt, als ich im Hansagymnasium mit ihr an einem Frageabend teilnahm. Dann habe ich die Lady kennengelernt, die im Dom die Dombaumeisterin ist, Frau Schock-Werner. Mit Kaspar König zu sprechen war einfach das Tollste. Super Typ! Wunderbar umstritten. Man muss nicht alles richtig finden, was er macht und sagt, aber ... Ich mag ihn sehr: Hammer-Kölner! (überlegt) FC ... ach so! Doch, es gibt jemanden, den ich kennenlernen möchte. Zum wiederholten Mal. Wir sind uns schon sehr oft begegnet, aber der kennt mich einfach nicht. Und das finde ich nicht gut! (betont jedes einzelne Wort) Sein Name ist Lukas Podolski. Das ist für mich nach wie vor einer der wichtigsten Kölner – und wenn der sich nicht langsam mal meinen Namen merkt und meine Fresse, dann werde ich echt sauer! Wir haben schon sehr oft Zeit und Räume miteinander geteilt, zuletzt bei „Wer wird Millionär?“. Aber ich bin dem so egal – und das kränkt mich. (lacht) Irgendwann muss der doch mal begreifen, dass wir gemeinsam was für diese Stadt tun können.

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Anke Engelke spricht mit uns über ihre Heimat Köln. © Norbert Breidenstein

Euer Lieblingsspiel ...

Ich spiele total gern, im Urlaub gern bis in die Nacht! Mein Lieblingsspiel ist im Augenblick „Set“. Set ist ein Kartenspiel und wir haben alle damit infiziert. Das ist unser Spiel des Sommers 2016! Man kann überhaupt nicht sagen, wer es besser kann – ob Kinder oder Erwachsene. Und ist das nicht das Tollste? Alle auf Augenhöhe, schnurzegal, wie gebildet man ist, wie alt, wie fit in Mathe und Logik.

Kinderfreies Wochenende! Was machst du am liebsten?

Kann ich nicht beantworten. Weil ich kinderfreie Wochenenden Scheiße finde. Ich mag kinderfreie Wochenenden nicht. Das perfekte Wochenende ist kindervoll. Man hat die nicht, um sich zu freuen, dass die weg sind. Ich liebe meine Arbeit. Aber die Nummer eins ist immer die Familie. Immer, immer, immer. Aber die Familie kann nur Nummer eins sein, wenn man einen Job hat, der das ermöglicht. Ich bin mir dessen bewusst, wie das alles zusammen hängt und wie privilegiert ich bin.

Beruf und Kind - das ist ...

Eine organisatorische Herausforderung. Und das geht. Das kann ja mit viel Freude gemacht werden. Und auch die Kinder kann man dabei einbeziehen. Hund, Katze, Maus, alle dürfen mit entscheiden! Wie machen wir das mit der Klassenfahrt? Wie kriegen wir das organisiert? Das ist die große Herausforderung 2016. Hilfreich ist eine Stadt, die kinder- und familienfreundlich ist. Ich hätte so gerne keine Angst, Kinder alleine irgendwohin gehen und fahren zu lassen. Wär das nicht schön, wenn eine Stadt und eine Politik es schafft, die Angst zu nehmen und einfach zu sagen: Wir kriegen das zusammen hin!

Kinder und Technik

Kinder sind heute anders sozialisiert, die spielen andere Spiele, die gehen nicht mehr an den Baggersee und auf den Spielplatz, sondern das Spielen verlagert sich zunehmend ins Haus an Geräte. Aber wir können das den Kindern nicht verübeln, denn wir bauen uns unsere Monster selber. Wer seinem Kind kein Smartphone und kein I-Pad gibt, der muss es ihm auch später nicht verbieten, wenn's zu viel wird, ganz einfach. So ähnlich wie Schnuller. Softdrinks. Das ist immer die Entscheidung der Eltern, ob die Kinder abhängig werden von schwachsinnigen Sachen.

WhatsApp

Ich kenne viele Leute, die sagen: „ Jetzt habe ich WhatsApp und das ist so toll, ich kann gar nicht mehr ohne.“ Da kann ich niemanden zu beglückwünschen, tut mir leid. Ich finde Verabredungen toll, aber nur, wenn man sie miteinander trifft, und zwar ohne Technik. Dann hat man auch das Recht zu sagen: Ich hab keinen Bock. Oder ich bin krank. Bei der WhatsApp-Kommunikation wird plötzlich alles egal. Aber das ist doch schrecklich, wenn alles egal ist. Ich möchte alles mitbekommen, fühlen, Kleinigkeiten spüren – und das geht nicht bei WhatApp. Au Mann, bin ich altmodisch.

Fortschritt

Fortschritt ist super, aber Wachstum stelle ich immer mehr in Frage. Es ist schon alles recht groß hier, wir haben alles und von allem zu viel, aber ich würde mir wünschen, dass es nicht mehr unbedingt darum geht, besser zu sein, schneller zu sein. Mehr wachsen geht doch gar nicht mehr. Wir müssen uns jetzt erst mal darum kümmern, ein bisschen aufzuräumen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Wir trennen hier den Müll, aber wo anders schwimmt der inselgroß im Ozean. Achtung - das wird auch in „Findet Dorie" thematisiert.

KVB

(Holt ihr Monatsticket aus der Tasche und knallt es auf den Tisch) Ein Hoch auf die KVB!!

 

Das Interview führten Petra Hoffmann und Anja Janßen

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