Stadtgespräch

Hamster-Gentrifizierung

Frau Karli · 02.02.2018

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Foto: Pexels

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„Lebt er noch oder wohnt er schon?" fragt unsere Kolumnistin Frau Karli.

Es gibt ja Leute, die auch wirklich alles übertreiben müssen. Nehmen Sie Kleintiergehege: Kürzlich haben wir für unseren Hamster Salami eine neue Trinkflasche gekauft - und als wir auf der Suche nach Befestigungsmöglichkeiten Pinterest konsultierten, gingen uns förmlich die Augen über.

Also als ich noch klein war, hielt man als Otto-Normal-Kind seinen Hamster in bodenständigen Käfigen ohne Schnickschnack: Laufrad, Leckstein, Trinkflasche – fertig. Heute leben Nager in komfortablen, indirekt beleuchteten Wohnlandschaften mit mehreren Ebenen, raffiniert geschnittenen Villen, Sand-Pools, Fitness-Krabbeltürmen und Erholungsoasen, die so lauschig und einladend sind, dass man schon vom bloßen Hinschauen in Yoga-Atmung verfällt.

Etwas blass studierten wir die neuen Kleintier-Wohnstandards und blickten dann auf unseren armen Salami, der uns plötzlich wie ein sozial benachteiligtes Armengeschöpf erschien: Überall selbst zusammengestümpertes Hippie-Spielzeug aus Klopapierrollen, lose verstreut in einem karg eingerichteten Glasterrarium. Ohne Stimulanz für sein kleines Hamsterhirn, ohne stilvolle Rückzugsmöglichkeiten, ohne Atmosphäre! Zwei Stunden später standen mein Mann und unsere große Tochter mit Planungsskizzen im Baumarkt und schon am Abend war das Upgrade fertig: Salami muss nun drei Ebenen überwinden, um zu seinem überdachten Futternapf zu gelangen, was psychologisch wie physiologisch sinnvoll ist. Sein Sandbad befindet sich auf einer Terrasse, die er entweder über seinen Wühl-Pool oder über eine Brücke erreichen kann, die den Ernährungs- mit dem Schlaf- und Körperpflegekomplex verbindet. Mein Mann schlug mir noch mit glänzenden Augen vor, ein Hamstergirl mit Bikini zu häkeln, als Einzugsgeschenk. Ich winkte empört ab – unser Salami ist doch kein neureicher Proll! Zugegebenermaßen ist die neue Ausstattung etwas zu groß für das Terrarium, aber hey: Wenigstens lebt Salami nun angemessen. Haben Hamster nicht auch ein Recht auf Gentrifizierung?

Herzlichst Ihre

Frau Karli

Rote-Schuhe

© John Krempl/photocase.com