Rund ums Baby

Selbstbestimmte Geburt ist ein Problem

Agnieszka Pawlowska · 02.10.2018

zurück zur Übersicht
Dr. Jenny Balfer von Mother Hood e.V.

Dr. Jenny Balfer von Mother Hood e.V.

Der Verein Mother Hood e.V. legt mit der Broschüre „Weil das Leben einen guten Anfang braucht“ konkrete Zahlen zu der Hebammenbetreuung in Bonn und Rhein/Sieg vor und weist auf einen Notstand hin. Viele Schwangere haben keine Wahl mehr hinsichtlich ihres Geburtsortes, da es zu wenig freiberufliche Hebammen gibt.

Die Frauen im Bonner Raum erleben schon lange einen gefühlten Hebammenmangel. Jede Frau, die nicht sofort eine Hebamme kontaktiert, sobald sie den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hält, gilt als grob fahrlässig. Riskiere sie doch, keine Betreuung insbesondere durch eine Beleghebamme oder eine Hebamme für die Nachsorge mehr zu finden. Panikmache? Von wegen. Der Verein Mother Hood e.V. hat zum ersten Mal konkrete Zahlen ermittelt. In ihrer diesjährigen Broschüre „Weil das Leben einen guten Anfang braucht“ stellen sie die Ergebnisse einer freiwilligen Umfrage aller Hebammen in Bonn und in Rhein/Sieg vor. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Agnieszka Pawlowska hat für KÄNGURU Baby mit Dr. Jenny Balfer von Mother Hood e.V. über die Studie gesprochen.

Es gibt keine geführte Statistik zu den praktizierenden Hebammen und dem Umfang ihrer Leistungen.

Agnieszka Pawlowska: Mother Hood hat dieses Jahr die Broschüre herausgegeben. Worum geht es dabei?

Dr. Jenny Balfer: Wir haben festgestellt, dass es keine belastbaren Zahlen dazu gibt, wie viele Hebammen in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis Frauen zur Verfügung stehen und was sie anbieten. Unsere Erfahrung ist, dass es viele Frauen gibt, die Schwierigkeiten haben, eine Hebamme zu finden, sei es für die Geburt selber oder auch für die Betreuung im Wochenbett oder in der Schwangerschaft. Vor dem Hintergrund, dass die Geburten in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis steigen, wollten wir einfach wissen, ob der Bedarf gedeckt? Ja oder Nein? Also haben wir die Hebammen gefragt

Den steigenden Geburtszahlen stehen keine steigenden Versorgungszahlen entgegen.

Früher hieß es, die Geburten gehen zurück. Jetzt heißt es, die Geburtenrate steigt. Wie sind da die Zahlen?

Es ist so, dass im Moment die Geburten ganz stark ansteigen. Von 6031 Geburten in 2015 gab es einen Sprung auf 6531 in 2016, also 500 Geburten mehr. Und dieser Trend hat sich 2017 weiter verschärft. Es gibt immer mehr Kinder. Das ist ja auch eine schöne Sache und wir freuen uns darüber. Aber die Versorgung steigt eben nicht in gleichem Maße an, sondern im Gegenteil. Den steigenden Geburtenzahlen stehen keine steigenden Versorgungszahlen entgegen.

Wie war das Ergebnis der Umfrage? Wie viele Hebammen gibt es in Bonn und Rhein-Sieg-Kreis?

Es war eine freiwillige Umfrage. Sie wurde 2017 gemacht, bezog sich aber auf die Zahlen von 2016. Und da waren in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis gemeinsam etwa 450 Hebammen gemeldet. Am Ende haben sich bei uns 164 Hebammen zurückgemeldet. Weil aber die Rücklaufquote der Hebammen, die nur in der Klinik tätig waren, sehr gering waren, haben wir diese rausgenommen. Also wir haben jetzt die Zahlen von 123 Hebammen ausgewertet, die freiberuflich arbeiten. Entweder rein freiberuflich oder freiberuflich neben ihrer Kliniktätigkeit in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis.

Viele Hebammen denken daran ihren Beruf aufzugeben.

Welche Fragen hat Mother Hood konkret gestellt?

Wir haben die Teilnehmerinnen gefragt, ob sie Vollzeit arbeiten. Wir haben gefragt, welche Leistungen sie anbieten, also vor der Geburt, unter der Geburt und nach der Geburt. Und wir haben ihnen auch einen psychologischen Fragebogen gegeben. Wir haben nachgefragt, wie hoch ihre Arbeitsbelastung ist. Ob sie daran denken, ihren Beruf aufzugeben? Und wie sie den Druck im Berufsleben empfinden.

Welche Ergebnisse haben Sie bekommen?

Es ist tatsächlich herausgekommen, dass viele Hebammen daran denken, ihren Beruf aufzugeben. Viele der rein freiberuflichen Hebammen sind mehr als fünfzig Jahre alt. Wir können also davon ausgehen, dass sie irgendwann in den Ruhestand gehen und dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Und wir wissen auch, dass viele von ihnen bereits jetzt in Teilzeit arbeiten. Das heißt, selbst wenn ich 400 Hebammen in Bonn und Rhein-Sieg zur Verfügung stehen habe, dann sind es nicht 400 Vollzeitäquivalente.

Wenn ich an Hebammen denke, denke ich an Geburtshilfe. Wie viele machen das noch?

Wir haben festgestellt, dass die Geburtshilfe, also eigentlich die Kernkompetenz der Hebamme, von den allerwenigsten freiberuflichen Hebammen noch angeboten wird. Beleggeburten sind in Bonn nicht mehr möglich und nur 23 von 123 freiberuflichen Hebammen bieten Geburtshilfe an. Die Hebammen, die in Bonn freiberuflich Geburtshilfe machen, machen das entweder zu Hause oder im Geburtshaus oder außerhalb von Bonn im Rhein-Sieg-Kreis. Wenn ich mich als Frau also nicht für die Klinikgeburt entscheide, dann habe ich ein großes Problem jemanden zu finden, der mich betreut.

Es gibt nicht genügend Hebammen.

Diese Zahlen müssen doch alle aufrütteln, oder nicht?

Wir hoffen, dass wir mit unserer Broschüre diesen Notstand einfach mal klar machen können und mit Zahlen sagen können: Es gibt nicht genug Hebammen. Deshalb fordern wir jetzt beispielsweise einen runden Tisch, an dem sich die verschiedenen Akteure der Geburtshilfe in Bonn und Rhein-Sieg zusammensetzen. Denn es ist einfach ein komplexes Thema und niemand ist da natürlich der einzige Verantwortliche.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mother Hood e.V. ist eine Bundeselterninitiative, die sich für stressfreie und gesunde Schwangerschaft, sichere und selbstbestimmte Geburt und das gesunde Aufwachsen des Kindes im ersten Lebensjahr einsetzt.