Rund ums Baby

Nestbautrieb

Ursula Katthöfer · 17.04.2015

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Ein Betthimmel, Kissenhüllen oder eine Krabbeldecke: Im Nähkurs entstehen schöne Dinge fürs Baby.

Nora schneidert eine Buchhülle für die Pixi-Bücher ihrer Tochter Sophie. Vor ihr liegen Rechtecke aus weiß-orange-geblümtem Stoff, die sie bereits zugeschnitten hat. Beim Blick auf die Anleitung kommt ihr eine Idee: "Kann ich noch ein Band aufnähen oder wird das zu schwierig?“ Die Frage geht an Schneiderin Sandra Wiegand. Die nickt und gibt den Tipp: „Erst die Buchhülle fertigstellen, später das Band aufnähen."

Mehrere junge Mütter sitzen um den großen Holztisch im hinteren Teil des Ladens fapilu, in dem Inhaberin Marion Piterek Stoffe und Kleidung für Baby und Kind anbietet. Zweimal pro Woche findet abends ein Nähkurs statt. An den Wänden stehen hohe Regale voller bunter Stoffballen, Handarbeitsbücher und Schnittmuster. Die Accessoires liegen in Schachteln und Kisten: Bunte Knöpfe in allen Farben und Formen, Bänder mit Erdbeeren, Sternen oder Autos darauf, Nähseide, Reißverschlüsse, Karabiner und kleine Applikationen.

Sarah hat ihre eigene Nähmaschine im Kinderwagen hergeschoben. Tragen wollte sie die schwere Maschine nicht, denn sie ist mit ihrem zweiten Kind schwanger. Für ihren eineinhalbjährigen Sohn Jonas näht sie an diesem Abend eine blau-türkis-grüne Hose aus elastischem Jerseystoff. "Ich komme in den Kurs, um ein paar Profitipps zu bekommen. Einen Fehler habe ich heute Nachmittag schon gemacht, als ich das Schnittmuster einfach auf den Stoff gelegt und losgeschnitten habe, ohne auf die Laufrichtung zu achten."

Pi sorgt für Staunen

Nähen ist gar nicht so einfach. Diese Erfahrung haben Nora und Sarah schnell gemacht. Es gehört viel räumliches Verständnis dazu. Und Mathe: „Wer ein rundes Körbchen nähen möchte, muss den Umfang eines Kreises berechnen können", sagt Sandra Wiegand. „Ich sorge immer für Staunen, wenn ich mit der Zahl Pi rechne." Die Kursteilnehmerinnen wollen häufig mehr, als sie können. Marion Piterek: „Für die jungen Mütter ist es die größte Hürde, sich zurückzunehmen und erst einmal etwas Einfaches zu nähen. Statt mit einer Hose zu starten, ist es anfangs besser, ein Kissen mit geraden Nähten zu nähen. Das spart viel Frust."

Nora hat mit einer Babydecke angefangen. „Das hat mich inspiriert, weil es so einfach war", sagt die 32-Jährige. ”Es gibt so viele schöne Stoffe. Und die Sachen machen Spaß, weil sie so klein sind. Alles ist schnell fertig."

„Bei mir hat der Nestbautrieb voll zugeschlagen", erzählt Sarah. Als sie mit Jonas schwanger war, hat sie Gardinen fürs Kinderzimmer und jede Menge Kissenhüllen genäht. Sogar den gekauften Betthimmel hat sie umgeändert. „Ich tue das mit Liebe für mein Kind. Kaufen kann ja jeder", meint die 31-Jährige.
Nora fragt sich allerdings, ob ihre Tochter Sophie nicht mehr von ihr hätte, wenn sie die Stunden, die sie im Nähkurs verbringt, mit ihr verbringen würde. Da ist Sarah anderer Meinung: „Wir nähen ja für uns, tun uns etwas Gutes. Es ist doch schön für unsere Kinder, wenn es uns gut geht."

Zu schön für die Matschecke?

Während an einem Ende des Tisches die Nähmaschine leise rattert, ist an der anderen Seite Zeit für Gespräche. Der Nähkurs ist ein Treff, um zu lachen, zu klönen und sich auszutauschen. „Die Frauen reden zunächst über ihre Kinder", weiß Schneiderin Sandra Wiegand. „Aktuelles Thema ist die Trotzphase.“ Doch es geht auch viel ums Handwerk. „Alle erzählen gern, was sie bereits genäht haben oder welches Projekt demnächst ansteht."

Sind die liebevoll gemachten Sachen nicht zu schön, um im Sandkasten oder in der Matschecke dreckig zu werden? „Nein", meint Sarah. „Ich nähe nicht für schön. Die Sachen sollen gebraucht werden."

Die jungen Frauen haben nicht mehr die hohen Ansprüche an die Widerstandsfähigkeit von Kinderkleidung, die die Generation ihrer Mütter noch hatte. „Früher sollten Stoffe pflegeleicht und strapazierfähig sein. Deshalb gab es Mischgewebe mit Synthetik", sagt Sandra Wiegand. „Heute legen vor allem junge Mütter Wert auf Stoffe, die gesund für die Haut sind." Hübsch sind sie noch dazu. Nachdem Sarah die Bündchen angenäht hat, hält sie die fertige Hose hoch und freut sich für Jonas. Der neue Stoff für die nächste Hose liegt bereits bei ihr zu Hause.

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