Rund ums Baby

Babyblues: das postpartale Stimmungstief

Golrokh Esmaili · 21.12.2014

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Foto: Pexels

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„Eigentlich sollte ich doch glücklich sein." Wenn sich bei der Mutter die Freude nach der Geburt nicht einstellt, kann es sich um ein postpartales Stimmungstief handeln.

Endlich hat das Warten ein Ende! Nach 28 Stunden Wehen und einem Kaiserschnitt hält Heike (36) ihr gerade geborenes Baby im Arm. Glücklich? Nicht wirklich. Die lange und traumatische Geburt, die Operation, viele Ärzte und Geburtshelfer, ihr Mann - alle stehen und wuseln um Heike herum. Heike zittert - die Ärzte sagen, das sei normal, das sei die Anspannung. Der Stress, das Zittern und dann dieses Baby, das auf einmal ihres ist.

Schmerz und Traurigkeit

Drei Tage später: Gut, dass Heike und ihr Mann sich für ein Familienzimmer im Krankenhaus entschieden haben, denn die junge Mutter kann sich nicht alleine um Nora kümmern. Die Narbe am Bauch, dazu kommt ein Dammriss. Überall Schmerzen. Sie schafft es nicht, sich auf die Kleine zu konzentrieren. Ihr Mann kümmert sich dafür umso rührender und rund um die Uhr. Wenn Heike ihr Baby im Arm hält wird ihr klar, dass sie ab sofort bis in alle Zeiten die Verantwortung für diesen kleinen Wurm trägt. Von diesem Gedanken erschlagen, fließen die Tränen unaufhörlich. Sie schämt sich für ihre Gedanken und versucht, diese tief in sich zu vergraben. Ein Pfleger kommt ins Zimmer, sieht Heike weinen und sagt: "Naaa, wenn das mal kein Babyblues ist".

Stimmungstief oder Depression?

Babyblues - in der Fachsprache auch Postpartales Stimmungstief genannt, trifft rund 80 Prozent der Frauen und hat oft hormonelle Ursachen. Nach der Geburt produziert der Körper nicht länger das Schwangerschaftshormon Prolaktin. Zwei bis drei Tage braucht der Körper, bis auch die letzten Reste aus dem Körper geschwemmt sind. An diesem Punkt erreichen Frauen häufig ihr Stimmungstief, die Frauen sind auf Entzug. Traurigkeit und häufiges Weinen sind die Folge. Hat der Körper sich nach ein paar Tagen wieder ein- bzw. umgestellt, verschwinden die Symptome. Bleiben sie aber oder werden heftiger, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Postpartale Depression - auch Wochenbettdepression genannt - handelt.

Allen gemeinsam ist der Hang zur Perfektion

Zehn bis 20 Prozent aller Frauen erkranken daran. Psychische Vorerkrankungen, sozialer Hintergrund, finanzielle Notlage, ein krankes Kind, ständiger Schlafmangel, falsche Erwartungen und Erschöpfung – individuelle Belastungsfaktoren, die auf das Ausmaß der Depression wirken, gibt es viele. Eine Charaktereigenschaft jedoch verbindet die meisten der betroffenen Frauen: der Hang zur Perfektion. Sabine Perfiliev, vor vielen Jahren selbst betroffen, arbeitet heute ehrenamtlich für den Verein Schatten und Licht und berät Frauen aus der Region Köln in postpartalen Krisensituationen. „Die meisten Frauen, die mich anrufen, haben sich an der neuen Lebenssituation oft bis zur Selbstaufgabe aufgerieben“, erklärt sie uns. „Diese Frauen sind nicht vernachlässigend, sondern ganz im Gegenteil - perfektionistisch. Oft können sie ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen und verzweifeln daran."

Professionelle Hilfe finden

Bis zu einem Jahr nach der Niederkunft des Kindes kann eine Postpartale Depression noch auftreten. Partner oder Hebammen in der Nachsorge sind oft die ersten, denen auffällt, dass etwas nicht stimmt. Miriam M. ist Hebamme aus dem Kölner Hebammennetzwerk. Sie erzählt, dass sie häufig von den Lebensgefährten betroffener Frauen angesprochen wird. Die berichten von einer Wesensveränderung ihrer Partnerin, dass sie morgens nur schwer aus dem Bett kommt, den Tag über motivationslos ist und häufig weint. „Der Übergang von Überforderung und Erschöpfung in die Depression kann fließend sein. Der Grat, auf dem die Frauen wandern ist schmal."
Betroffene Frauen oder Angehörige können die Hebamme, den Hausarzt oder den Gynäkologen ansprechen. Je nach Grad der Erkrankung muss ein Psychotherapeut aufgesucht werden, in besonders schweren Fällen ist sogar ein stationärer Aufenthalt sinnvoll. Allerdings: In der Notlage ist es oft schwierig, überhaupt einen Therapeuten zu finden. Anna (36), Mutter einer knapp zweijährigen Tochter, war in den „dunkelsten Stunden ihres Lebens" verzweifelt auf der Suche nach therapeutischer Unterstützung in Köln. Alle Praxen, die sie abtelefonierte, gaben ihr die Auskunft, frühestens in vier Monaten neue Patienten aufnehmen zu können. „Ich war am Ende. Überfordert mit meiner Tochter, mit meiner Situation - ich konnte mich um nichts mehr kümmern. Meine Mutter kam und passte auf meine damals fünf Monate alte Tochter auf und nahm mir alle Arbeiten ab. Ich lag im Bett. Ängste und Panikattacken überkamen mich ständig. Ich wusste, ich brauche professionelle Hilfe, aber ich fand niemanden - keinen Therapeuten, der Zeit hatte mich zu behandeln.“

Licht am Ende des Tunnels

In ihrer Not rief sie ihre Krankenkasse an und man gab ihr die Nummer der Zentralen Informationsbörse Psychotherapie (ZIP). Hier werden möglichst kurzfristig zur Verfügung stehende Therapieplätze vermittelt. Sie telefonierte mit einem der Therapeuten und kurze Zeit später saß sie in ihrer ersten Sitzung. Der verschrieb ihr stillverträgliche Medikamente und schnell besserten sich die ersten Symptome. Sie erholte sich, konnte wieder schlafen und sah endlich wieder Licht am Ende des langen und dunklen Tunnels. Heute - anderthalb Jahre später - braucht sie keine Medikamente mehr. Sie sagt: „Es gibt immer noch Tage, an denen es mir nicht gut geht und ich mich überfordert fühle. Aber ich weiß, dass die vorbei gehen. Rückschritte gibt es in jedem Heilungsprozess." Bei ihrem Therapeuten ist sie heute noch.

Aufmerksamkeit und Unterstützung

Wege aus der Postpartalen Depression sind vielfältig; ist sie erst einmal erkannt, liegen die Heilungschancen bei 95 Prozent. Leider liegt im Erkennen und Diagnostizieren oft das Problem, selbst vielen Ärzten ist die Problematik nicht vertraut und Frauen haben oft eine lange Leidenszeit hinter sich, bevor sie Hilfe finden. So wünscht sich Sabine Perfiliev zum Beispiel auch von Kinderärzten ein geschulteres Auge. „Frauen gehen mit ihren Kindern regelmäßig zum Kinderarzt. Ein aufmerksamer Kinderarzt schaut sich während der U-Untersuchungen nicht nur das Kind an, sondern beobachtet auch die Mutter des Kindes und kann so Veränderungen feststellen."
Die Hebamme Miriam M. appelliert an die Partner, ihren Frauen in Krisensituationen zur Seite zu stehen: „Die Männer spielen während der Schwangerschaft sowie während und nach der Geburt eine wichtige Rolle. Sie sollten unterstützend tätig sein. Gerade wenn sie bei ihren Partnerinnen Anzeichen von Überforderung oder Depressionen erkennen." So können zusätzlich belastende Recherchen, Telefonate und Gespräche mit Ärzten, Therapeuten und Kliniken von den Männern übernommen werden.

Raus aus der Isolation

Anna hatte das Glück, dass ihr Mann und vor allem ihre Mutter sie in der schwierigen Zeit unterstützen konnten. Aber auch Frauen, die keine Unterstützung in der Familie haben, sollten nicht verzweifeln. Es gibt viele Anlaufstellen, an die sich Mütter wenden können. Die Voraussetzung ist allerdings immer, den Mut aufzubringen und zu akzeptieren, dass die Situation anders ist, als man sie sich vor dem Kind vorgestellt und vor allem gewünscht hat. Der erste Schritt aus der Isolation heraus ist gleichzeitig der erste Schritt in die Heilung.

Endlich hat das Warten ein Ende! Nach 28 Stunden Wehen und einem Kaiserschnitt hält Heike (36) ihr gerade geborenes Baby im Arm. Glücklich? Nicht wirklich. Die lange und traumatische Geburt, die Operation, viele Ärzte und Geburtshelfer, ihr Mann - alle stehen und wuseln um Heike herum. Heike zittert - die Ärzte sagen, das sei normal, das sei die Anspannung. Der Stress, das Zittern und dann dieses Baby, das auf einmal ihres ist.

Service

Hilfreiche Adressen bei Postpartaler Depression:

Schatten & Licht e.V.
Bundesweite Selbsthilfe-Organisation
www.schatten-und-licht.de

Zentrale Informationsbörse Psychotherapie (ZIP)
Großraum Köln: Tel. 0221 - 77 63-67 11 (Mo-Fr 9.30 bis 12 Uhr und Mo-Do 13 bis 14.30 Uhr)
Bonn: Tel. 0241 - 75 09-182 (Mo-Do 9 bis 12 Uhr, 13 bis 15 Uhr, Fr 9 bis 12 Uhr)

Ambulanz der Tagesklinik Alteburgerstraße
Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit Mutter-Kind Station.
Tel. 0221 - 3 39 40
www.tka-koeln.de

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