Rund ums Baby

Alternativ entbinden - Kinder kriegen im Geburtshaus

Angelika Staub · 03.04.2013

zurück zur Übersicht

„In der Klinik zu entbinden, das kam für uns nicht in Frage“, erzählt Stefanie Pitino. Ihre beiden Töchter Angelina (3 Jahre) und Ylenia (2 Monate) brachte sie im Kölner Geburtshaus zur Welt und schwärmt von der "familiären Betreuung in natürlicher Atmosphäre".

Das Geburtshaus liegt im Kölner Stadtteil Neuehrenfeld. Jährlich gebären dort rund 140 Frauen ihre Kinder. Zusätzlich begleitet das Team des Kölner Geburtshaus e.V.  im Jahr durchschnittlich 60 Hausgeburten. „Die Zahlen sind stabil“, erzählt Geschäftsführerin Daniela Erdmann, und die Frauen typisch: über 30 Jahre, deutsch, Akademikerin, in stabiler Partnerschaft, in sozialtherapeutischem Beruf. „Die Frau, die hierher kommt, ist selbstbewusst genug, um den Wunsch zu rechtfertigen, außerhalb der Klinik zu gebären“, erklärt Erdmann.

Immer noch brodelt die Gerüchteküche, geht es um Geburten abseits von Hightech-Apparaten und grellem Neonlicht: „Die meisten Menschen denken, wir stellten einfach ein paar Räucherstäbchen auf, und mit viel Glück würde das Kind schließlich überleben.“ Dabei kommen im Geburtshaus an der Overbeckstraße Notfälle äußerst selten vor. „Durchschnittlich alle fünf Jahre“, sagt Erdmann. Versteckt hinter ganz gewöhnlichen Schranktüren der farbenfrohen Geburtszimmer liegen dennoch jederzeit griffbereit: Sauerstoffmaske und Infusionen. Gibt es einen Zwischenfall, so meist in der Eröffnungsphase der Geburt. Zum Beispiel: „Die Frau ist erschöpft und möchte eine PDA (Periduralanästhesie)“, erzählt Erdmann. Aber auch dann erfolgt die Fahrt nicht mit Blaulicht, sondern in aller Ruhe in die nächste Klinik der Wahl. Dort setzen Ärzte die Lokalbetäubung. Hebammen sind dazu nicht berechtigt. Ärzte wiederum dürfen keine Geburt alleine begleiten. Deshalb besteht das Kernteam des Geburtshauses aus Hebammen, einem Zusammenschluss aus 33 Freiberuflerinnen.  

Um riskante Notfälle zu verhindern, herrschen in Geburtshäuser strenge Ausschlusskriterien. Frauen mit erwarteten Frühgeburten, Zwillingsgeburten und Beckenendlagengeburten lehnen sie ab, zudem Schwangere mit schweren Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus. Auch dadurch verbuchen die Einrichtungen hohe Erfolgsquoten. In ihrer letzten Fünf-Jahres-Studie hat die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (Quag) festgestellt: Von den 1,7 Prozent aller Schwangeren, die bundesweit außerhalb der Klinik entbanden, hatten mindestens 90 Prozent eine Spontangeburt. „In 12,5 Prozent aller Fälle war während der Geburt eine Verlegung in die Klinik notwendig“, besagt die Statistik. „Nur bei einer von allen Gebärenden war eine eilige Verlegung ratsam.“

Geburt ohne Schichtwechsel

Einen weiteren Vorteil sieht Erdmann in der persönlichen Betreuung, die bereits in der Schwangerschaft beginnt und auch zum Höhepunkt nicht wechselt: „Egal wie lange die Geburt dauert, hier hat die Frau nur eine Hebamme“, sagt Erdmann. Schichtwechsel gibt es nicht. Ebenso keine Hebamme, die „wie in Kliniken oft drei bis vier Geburten gleichzeitig betreut“. Das größte Plus aber liege in der Frau selbst, sagt die Geschäftsführerin. „Sie weiß, dass währenddessen nichts passiert, was sie nicht will.“

Auch Erdmann ist Hebamme und begleitete, bis sie selbst Kinder bekam, zahlreiche Geburten. Darunter auch eine Hausgeburt, die sie wohl nie mehr vergessen wird: „Die Frau hatte sie alleine durchgeführt“, schildert Erdmann. „Zwar durfte ich dabei sein und abends wenigstens mal die Herztöne abhören, doch sonst machte sie alles komplett alleine – bei angenehm ruhiger Atmosphäre.“ Erdmann ist, nicht zuletzt durch dieses Erlebnis, davon überzeugt, dass „die gebärende Frau durchaus in der Lage ist, ganz genau zu merken, was sie braucht“. In vertrauter Umgebung umso besser als im Krankenhaus, „wo sie permanent auf die Klingel drücken kann und dauernd jemand kommt, der etwas weiß“. Beinah beiläufig erwähnt Erdmann, dass die Krankenkassen bei einer außerklinischen Geburt gut zwei Drittel der Kosten, die sie in der Klinik bezahlten, einsparen.

Nicht nur für die Geburt: vorbereiten, nachbereiten, Kontakte finden

Separat vom Geburtstrakt liegt im Geburtshaus der Kursraum. Dort gehen im Jahr durchschnittlich 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein und aus. Sie kommen zu Massage, Schwangerschaftsvorbereitung, Yoga, Rückbildungsgymnastik und weiteren Angeboten. Von der Straße ist der 260 Quadratmeter große Flachbau kaum zu sehen. Eine breite, gelbe Stahltür versperrt den Blick. Hinter ihr könnte sich ebenso gut eine Autowerkstatt befinden. Ganz anders beim Geburtshaus in Bonn. Stolz präsentiert es sich seit zwei Jahren in der ehemaligen Burg Dottendorf.

Zuvor gebaren die Bonner Frauen in einem still gelegten Pfarrhaus im nördlichen Stadtgebiet. Dort begann die Geschichte des Bonner Geburtshauses, im Frühjahr 2001, zwölf Jahre, nachdem das Kölner Geburtshaus gestartet war. In der 350 Quadratmeter großen Burg, früher ein Gästehaus, liegt ein imposantes  Kellergewölbe. Es lädt regelmäßig zum Elterncafé, außerdem zu zahlreichen Kursen ein. In den anderen Räumlichkeiten, die ein Turm miteinander verbindet, befinden sich unter anderem die beiden gemütlichen Gebärzimmer und das große Bad.

Achtsamkeit ist das Thema

Auch in Bonn heißen die Kundinnen nicht „Patientinnen“, sondern „Frauen“. Schließlich seien sie nicht krank, argumentiert Interimsgeschäftsführerin Elke Dickmann-Löffler. Das Bonner Geburtshaus trägt der Elternverein namens „Doula e.V.“. Eltern bilden den Beirat und bestimmen so über Konzeption und Umsetzung mit. Außerdem organisieren sie Veranstaltungen wie Märchennachmittage und öffnen das Elterncafé. „Doch nicht jede Frau, die bei uns gebärt, muss Mitglied werden“, betont Dickmann-Löffler. „Wir sind auch für Nichtmitglieder offen.“

Für Dickmann-Löffler steht die Burg, also das Geburtshaus für „Ruhe, Oase und Schutz“, wie sie keine Klinik der Welt bieten könne. „Frau, Kind und Mann sollen sich geborgen fühlen“, erklärt die Interimsgeschäftsführerin. „Unser Thema ist Achtsamkeit: achtsam leben in der Familie, achtsam kommunizieren in der Familie, achtsam zusammen arbeiten.“ Zunehmend kommen auch muslimische Frauen. Manche von ihnen tragen eine Burka. Im vergangenen Jahr brachten die acht freiberuflichen Hebammen des Geburtshauses fast 100 Kinder zur Welt. Auch die Zahl der Hausgeburten blieb konstant. Sie liegt jährlich bei rund 25 Kindern.

Das Geburtshaus in Bonn ist zugleich „Zentrum für Primärgesundheit“. Es geht um die Gesundheit im Allgemeinen und ihre elementaren Voraussetzungen. „Primärgesundheit beginnt mit der Zeugung und geht bis mindestens einschließlich des ersten Lebensjahres“, erklärt die Interimsgeschäftsführerin. So gibt es eine Schreibaby-Beratung wie auch eine Waldspielzeit draußen in der Natur, außerdem zahlreiche Vorträge, Kurse und Gesprächskreise rund um die gesunde Familie.

Neben Babykursen von Vätern für Väter steht regelmäßig auch der Besuch von Sechstklässlern auf dem Programm. Sie begleiten eine Hebamme durch den Alltag und bearbeiten mit einer Medien- und Kunsttherapeutin ihre eigene Geburt.  Abschließend führt sie das kooperative Schulprojekt zur Beratungsstelle „pro familia“. Die Mädchen und Jungen sollen geschlechtsspezifisch erkennen, dass Mütter „aus eigener Kraft gebären können“ und „Väter wichtig sind“, erzählt Dickmann-Löffler.

Hebamme sein – Beruf und Berufung

Trotz stabiler Zahlen haben die Geschäftsführerinnen in Bonn und Köln auch Sorgen: Sie kümmern die hohen Haftpflichtprämien für Hebammen. „Wenn die Kosten weiter steigen, wird’s schwierig“, sagt Dickmann-Löffler. „Nur über die Menge der Arbeit ist die Haftpflichtversicherung für Hebammen noch bezahlbar“, meint Erdmann und bemerkt: „Hebamme sein, das ist nicht nur Beruf, sondern auch Berufung.“ Heute wie früher. Ohnehin ist für die Wahl-Kölnerin die Geburt „eine ganz archaische Angelegenheit“. Gewissermaßen altertümlich seien auch Geburtshäuser, sagt ihre Bonner Kollegin. „Sie sind etwas ganz Altes, auf eigene Kraft Vertrauendes und gleichzeitig Fortgeschrittenes.“

Moderne Trends, wie die Schwangeren des 21. Jahrhunderts ihre Kinder zur Welt bringen, stellen beide nicht fest: „Knapp ein Drittel gebärt auf dem Geburtshocker, rund ein Fünftel im Wasser. Auch beliebt sind Vierfüßlerstand und Seitenlage“, schildert Dickmann-Löffler. „Wenn man die Frauen entscheiden lässt“, erzählt Erdmann, „dann fallen die Vorlieben wie vor 1000 Jahren aus.“
Stefanie Pitino jedenfalls hat ihre beiden Kinder unterschiedlich zur Welt gebracht: Angelina im Liegen und Ylenia im Stehen. „Ich war entspannt“, erzählt sie. „Nach einem Vollbad waren die beiden Kinder jeweils relativ schnell da.“ Beide Male kehrte die Familie nach knapp drei Stunden wieder nach Hause zurück.

Kölner Geburtshaus
Overbeckstraße 7
50823 Köln
Telefon: 02 21 - 72 44 48
E-Mail: info@koelner-geburtshaus.de
Internetseite: www.koelner-geburtshaus.de

Bürozeiten: Mo-Fr 10-12.30 Uhr, Mo 16-18 Uhr
Tipp: Jeden 1. Donnerstag im Monat um 20 Uhr gibt es einen kostenlosen Informationsabend. Anmeldung ist nicht erforderlich.

Geburtshaus Bonn und Zentrum für Primärgesundheit
Villenstraße 6
53129 Bonn
E-Mail: info@geburtshaus-bonn.de
Internetseite: www.geburtshaus-bonn.de

Bürozeiten: Di+Do 9-12 Uhr