Medien

Wie wird man Schriftstellerin?

Claudia Berlinger · 14.01.2019

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Für ihr Buch „King kommt noch“ hat sie zusammen mit dem Illustrator Jens Rassmus den Kinderbuchpreis NRW 2018 gewonnen. Foto: Harald Krichel

Für ihr Buch „King kommt noch“ hat sie zusammen mit dem Illustrator Jens Rassmus den Kinderbuchpreis NRW 2018 gewonnen. Foto: Harald Krichel

Wie wird man Schriftstellerin? Andrea Karimé ist Kinderbuchautorin. Sie leitet Schreib- und Geschichtenwerkstätten für Kinder ab 4 Jahren bis ins Erwachsenenalter. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war die studierte Musik- und Kunsterzieherin als Grundschullehrerin tätig. Seit 2012 hat sie verschiedene Lehraufträge im Bereich Kinderliteratur.

Uns hat die Frage interessiert, wie sie zu ihrem Beruf Schriftstellerin kam und welche Tipps sie angehenden Autorinnen und Autoren geben kann.

KÄNGURU: In welchem Alter hast du deine erste Geschichte geschrieben?

Andrea: Meine erste Geschichte habe ich mit 7 oder 8 geschrieben. Von einer guten Hexe handelte die, beeinflusst vom großen Preussler. Ich habe sie, glaube ich, nur meiner Schwester vorgelesen. Ach, da gab es keine großen Reaktionen :) Anders die Briefe, die ich meinen zwei Tanten in andere Städte geschrieben habe. Die erfreuten sich großer Beliebtheit. Später, also vor kurzem, erwähnte meine Mutter, dass ihr meine Geschichten schon immer gefallen haben. Da war ich sehr überrascht.

Du hast Kunst und Musikerziehung studiert und als Grundschullehrerin gearbeitet, heute widmest du dich dem Schreiben. Haben immer schon zwei Seelen in deiner Brust geschlagen?

Ja, ich glaube schon. Ich wollte schon immer schreiben. Und ich hatte schon immer Interesse an sozialen Projekten. Nur hatte leider überhaupt keine Ahnung, wie ich erreichen konnte, etwas zu veröffentlichen. Hinzu kam, dass ich im Bereich Musik viel mehr Ausbildung durch Schule und Hochschule bekam. Ähnlich war es mit Kunst. Die professionelle Praxis lag in diesen beiden Bereichen näher. Aber das Schreiben tappte immer hinter mir her, wie eine treuer Hund. Bis zu meiner Examensarbeit. Das war eine künstlerisch-praktische Arbeit. Ein von Hand gebundenes Leporello mit Fotoarbeiten. Und mir fehlten Texte. Ich habe dazu viel recherchiert, nix gefunden und am Ende hat der Hund gebellt und ich habe selber Texte gedichtet – lyrische Fragmente, die ich den Bildern gegenüber gestellt habe. Das war quasi mein erster veröffentlichter künstlerischer Text: Fragmente zu Fotos.

Du bietest Erzähltheater, Schreibwerkstätten und Buchprojekte für Kinder ab 4 Jahren bis ins Erwachsenenalter an, arbeitest mit Flüchtlingskindern und mit psychisch kranken Menschen. Was treibt dich an?

Keine Ahnung ... vielleicht hat meine bikulturelle Herkunft meine Flexibilität und mein Interesse gefördert. Der Umgang mit zwei Kulturen und vielen verschiedenen Menschen und beruflichen Situationen ist mir in der Regel vertraut. Und ich habe mich schon als Jugendliche in sozialen und politischen Projekten engagiert, zum Beispiel im Tierschutz. Ich habe mit 11 einen Tierverein gegründet und eine Tierzeitung herausgegeben. Später habe ich im Notruf für vergewaltigte Frauen mitgearbeitet oder an unserer Schule in einem der Projekte gegen Neonazis. Vielleicht kommt daher das Interesse. Ich mache natürlich nie alles zur gleichen Zeit. Momentan liegt mein Schwerpunkt auf Lesungen. Aber ich habe einen freien startet. Für Jugendliche biete ich vielleicht im Herbst wieder etwas an, Interessierte können sich gern in meinen Verteiler aufnehmen lassen.

Kann man vom Schreiben eigentlich leben?

Ob es in Frage kommt, vom Schreiben zu leben, muss jeder selbst entscheiden. Wem die Literatur, die Sprache, das Schreiben am Herzen liegt, empfehle ich auf jeden Fall, das auszubauen und ernsthaft zu studieren und zu experimentieren. Man muss aber wissen, dass es nur ganz wenige Autorinnen oder Autoren schaffen, allein vom Schreiben zu leben. Man muss entweder sehr bekannt sein, hohe Auflagen erzielen oder wichtige Literaturpreise bekommen. Wer das nicht hat, braucht man ein zweites Standbein.

Du bist weit gereist, hast ein Studium und viele Ausbildungen absolviert, bevor du dein erstes Buch veröffentlicht hast. Würdest du sagen, dass ein Mensch, der Schriftsteller werden will, bereit sein muss, ab und zu den Wohnort zu wechseln?

Auslandsaufenthalte ja! Ich kann nicht für alle sprechen, es gibt Kollegen, die recherchieren beispielsweise nur im Netz und über Videos und kommen gut zurecht. Aber durch Auslandsaufenthalte fülle ich meinen besonderen ästhetischen Speicher auf mit Bildern, Figuren und Gefühlen. Für mich ist dieser Speicher, den ich schon in meiner libanesisch-deutschen Kindheit angelegt habe, unverzichtbar. Sogar andere Sprachen zu hören und zu lernen, hat mein Schreiben beeinflusst und meine Sprache poetisch gespiegelt und weiterentwickelt. Aus Ägypten kam ich 2008 mit einem Koffer voller Geschichten und Wörter; die letzte habe ich 2015 veröffentlicht. Außerdem verlangen Auslandsaufenthalte ständige Perspektivwechsel und Empathie.

Was möchtest du Jugendlichen ans Herz legen, die den Wunsch verspüren, ihre Liebe für das geschriebene Wort zum Beruf zu machen? Üben, üben, üben?

Vor allem: Lesen, lesen, lesen! Das wird, glaube ich, unterschätzt. Guck, was dir gefällt und lass dich belehren und inspirieren. Und dann üben, üben, üben. In alle Richtungen. Die Form wechseln. Sich in verschiedenen Genres probieren, im Denken und Schreiben flexibel bleiben. Wichtig ist, die eigene poetische Stimme zu finden. Und die findet man tatsächlich durch Üben und Lesen. Sammeln ist auch wichtig, jeder Fetzen Poesie der vorbeifliegt kann von Bedeutung sein und sogar Initialzündung für ein Buch werden.

Welche Ausbildung würdest du empfehlen? Und was kann man in Köln machen?

In einer künstlerischen Ausbildung, wenn sie gut ist, kann man die poetische Stimme auch finden, und diese vermittelt dann noch das Handwerk, aber das reicht nicht. Die Ausbildung an der Kunsthochschule für Medien finde ich toll, da sie interdisziplinäre Möglichkeiten bietet. Die hätte ich sicher gemacht, wenn es sie damals schon gegeben hätte. Ich habe viele freie Werkstätten gemacht. Bei Autoren, die ich schätze, wie Uljana Wolf oder Burghard Spinnen. Ich kann in diesem Zusammenhang auch die Bundesakademie in Wolfenbüttel und die Meisterkurse in Irsee empfehlen.

Wie sieht deine Schreibroutine aus? Hast du eine festgelegte Zeit am Tag, wo du dich an den Schreibtisch setzt? Hast du immer deinen Notizblock dabei und gibt es auch Zeiten, in denen du dir vom Schreiben frei nimmst?

Ja, gerade hab ich Ferien. Hihi. Nee, im Ernst. Ich mache immer mal ein paar Tage Pause. Aber Notizbuch und Lektüre sind trotzdem dabei. Momentan arbeite ich gern im Schreibraum Köln. Den gibt es seit Ende 2017 und das ist ganz fantastisch, weil da verschiedene schreibende Berufsgruppen zusammen kommen: Lyriker, Kinderbuchautorinnen und Journalisten. Auch Studierende der KHM sind dabei. Wir machen auch gemeinsame Projekte, z.B. Lesungen. Dort kann ich sehr gut arbeiten. Da lenkt mich nichts ab. Keine Wohnung sagt, sie wolle aufgeräumt werden. Kein Telefon klingelt usw. Ich fange dort meistens mittags an für ein paar Stunden. Wenn es gegen Abgabe geht, bin ich auch zuhause schon mal rund um die Uhr beschäftigt. Durch meine Lesungen kommt nur selten so richtige Routine auf. Da wird die Schreibarbeit immer wieder unterbrochen.

Wie strukturiert gehst du beim Schreiben vor? Machst du dir, bevor du ein Buch in Angriff nimmst, einen Plan oder lässt du die Geschichte sich entwickeln, ohne den Schluss bereits zu kennen?

Es gibt beide Wege. Bei „King kommt noch“ hatte ich die Geschichte vollkommen im Kopf und sie dann in einem Rutsch aufgeschrieben. Nur am Schluss hab ich lange gebastelt, wie so oft. Ich kenn den Schluss selten. Der entwickelt sich durch die Geschichte. Also, ich hab gern Überraschungen beim Schreiben. Und werfe Geplantes über den Haufen.

Zu Veröffentlichungen kommt es ja nicht nur dadurch, dass jemand gut schreiben kann. Zum Schriftstellerinnen-Beruf gehört ja auch die erfolgreiche Selbstvermarktung. Welche deiner Ausbildungen haben dich am besten auf den Beruf vorbereitet?

Eigentlich keine. Ich glaube, das wird in den neuen Studiengängen jetzt gemacht, was sicher hilfreich ist. Für mich war in diesem Zusammenhang der Kontakt zu Kolleginnen oder Kollegen hilfreich. Und ist es noch.

Welche Eigenschaften braucht eine angehende Schriftstellerin, um zu Veröffentlichungen zu kommen?

Mut, Fleiß, Frustrationstoleranz, Kritikfähigkeit, Ausdauer, Eloquenz und Diplomatie. Die Fähigkeit, eine Absage nicht persönlich zu nehmen.

Wie wichtig ist ein gutes Netzwerk, um als Autorin zu bestehen?

Gerade wenn es um Veröffentlichungen geht, um die Orientierung im Verlagsdschungel zum Beispiel, braucht man ein gutes Netzwerk. Erfahrungen anderer sind unbezahlbar. Allein, was Exposé, Honorarverhandlungen oder Marketingfragen angeht. Aber ich finde es auch schön, mit Kolleginnen Plots oder Ideen zu besprechen. Deshalb mag ich den Schreibraum Köln. Immer treffe ich jemanden und kann gleich mal eine Frage loswerden. Auch was Lesungen und Workshops angeht helfen wir uns gegenseitig. Und mit Künstlerinnen anderer Disziplinen zu arbeiten ist sowieso außerordentlich inspirierend. Ich liebe es, mit Musikern zusammenzuarbeiten. Gerade machen der Komponist Ulrich Kreppein und ich ein Kinderopernkonzept zu „King kommt noch“.

Jüngst wurde dir der Kinderbuchpreis NRW 2018 für dein Buch „King kommt noch“ verliehen. Welche Adressen für Ausschreibungen empfiehlst du angehenden Autorinnen und was ist durch Auszeichnungen zu gewinnen?

Ein Preis bringt immer Geld. Und so ein großer Preis wie der Kinderbuchpreis des Landes NRW, auf den man sich allerdings wie bei vielen anderen Preisen nicht selbst bewerben kann, vergrößert die Bekanntheit und öffnet Türen zu Projekten und Lehrtätigkeiten. Das Interesse am Werk wächst. Stipendien sind auch eine feine Geldquelle, besonders für die, die literarisch ambitioniert sind. Meistens muss man dafür sein Vorhaben poetologisch durchleuchten, was immer eine Weiterentwicklung bedeutet.

Informationen über Preise und Stipendien, für die man sich selbst bewerben kann, gibt es immer aktuell bei Sandra Uschtrin, da kann man einen Newsletter abonnieren. Da ist auch immer was für Jugendliche dabei. Ich kann das nur empfehlen. Mein erstes Kinderbuch hatte es leichter, bei einem Verlag zu landen, weil das Manuskript im Vorfeld einen Preis gewonnen hatte.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten!