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Doku: Morgen gehört uns

Tina Adomako · 04.01.2021

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© Neue Visionen Filmverleih

© Neue Visionen Filmverleih

Alle Welt kennt Greta Thunberg. Ihr ist sogar schon ein ganzer Kinofilm gewidmet worden. Die Kinder und Jugendlichen in diesem Film sind weniger bekannt. Und doch kämpfen sie genauso engagiert darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Gilles de Maistre portraitiert in seinem Film Kinder aus den unterschiedlichsten Ländern und Gesellschaftsschichten, die eines eint: Sie sind überzeugte Aktivist*innen und glauben daran, dass ihr Handeln etwas bewirken kann. Erstaunlich ist das junge Alter, in dem diese Kinder mit ihrem Engagement begonnen haben. Hauptprotagonist José Adolfo aus Peru, dessen Off-Stimme durch den Film führt, hat mit sieben Jahren eine Umweltbank für Kinder gegründet. Das Geld stammt von eingesammeltem Müll – Altpapier, Plastikflaschen, Metalldosen. Er hat Kinder überzeugt, diese wiederverwertbaren Stoffe einzusammeln. Eine lokale Recyclingfirma zahlt dafür Geld. Mit diesem Geld können die Kinder Schulmaterialien oder Essen kaufen. 3.000 Kinder haben inzwischen ein Umweltkonto bei Josés Bank und liefern regelmäßig „Müll“. Für dieses Engagement erhielt der Jugendliche 2018 in Stockholm den „Children’s Climate Prize“.

Die Dinge zum besseren wenden ...

Neben José Adolfo begleitet der Film die Kinder Arthur, Aïssatou, Heena, Peter, Kevin und Jocelyn, die ebenfalls Großartiges leisten. Aïssatou kämpft gegen die Zwangsverheiratung von Mädchen in ihrer Heimat Guinea. Der 10-jährige Arthur aus einer Wohlstandsfamilie in Frankreich malt Bilder, die er in Ausstellungen verkauft. Mit dem Erlös kauft er Lunchpakete und Decken für Obdachlose. Als erwachsene Person staunt man über den Mut und die Durchsetzungskraft von Kindern wie Kevin, Jocelyn und Peter, die in Bolivien in Minen arbeiten und sich gewerkschaftlich engagieren. Für eine Krankenversicherung und für angemessene Löhne, damit sie sich einen Schulbesuch leisten können.

Mutmacher*innen

Ob Umweltverschmutzung, Obdachlosigkeit oder Kinderehen – sie sehen, was falsch läuft und versuchen, durch ihr Engagement die Dinge zum Besseren zu wenden. Einen Satz, den alle wiederholen ist, dass Erwachsene nicht zuhören und ihnen nichts zutrauen. Gilles de Maistre zeigt mit seinem Film, dass Kinder weltweit aufbegehren, handeln, dort wo Erwachsene versagt haben, und es tatsächlich schaffen, Veränderungen herbeizuführen. Gleichzeitig halten sie uns Erwachsenen den Spiegel vor und beschämen diejenigen, die die Welt in so einen desolaten Zustand gebracht haben. Gilles de Maistre schafft mit seinem Film ein berührendes Porträt über Kinder dieser Welt, die sich mutig und optimistisch gegen Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung erheben.

INTERVIEW MIT GILLES DE MAISTRE

Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Sie ist in mir während vieler Jahre gereift. Es vergingen über 30 Jahre, die ich durch die Welt reiste, um sie zu erzählen und nichts hat mich jemals so berührt wie diese Kinder. Ich habe Soldatenkinder gefi lmt, versklavte Kinder, Kinder in Gefängnissen, Straßenkinder und, der schlimmste Horror, die Kinder, die an Hunger starben. Ich habe sie gefilmt, weil ich diese Gewalt anprangern wollte. Die Bilder, die ich gesammelt hatte, schockierten und verstörten. Aber in Wahrheit haben Bilder des Leids niemals die Welt verändert. Jeder geht wieder zurück in sein Leben, zu seinen Problemen, ich nicht ausgenommen.
Eine Begegnung aber, während all dieser Jahre, hat mich mehr geprägt als alles andere und hat ein Samenkorn in mein Gehirn gepflanzt: Als ich die Kindersoldaten filmte, die in den Guerilla-Krieg in Kolumbien verwickelt waren, habe ich einen von ihnen angesprochen, einen kleinen Jungen, Fidel, kaum zehn Jahre. Er trug ein Gewehr und Munition, er gab ein sehr gewalttätiges Bild ab, und ich fragte ihn, „Glaubst du, dies ist der Platz für einen kleinen Jungen wie dich, hier zu sein und im Krieg zu kämpfen?“ Er antwortete mir mit einem Selbstbewusstsein, das mir die Sprache verschlug: „Und du?! Wer bist du, dass du mir solche Fragen stellen darfst?! Die Wirklichkeit der Kinder in meinem Land ist Bettelei, Prostitution und Arbeit, also lass mich wenigstens dafür kämpfen, dass es in Zukunft einmal besser wird!“
Ich habe nie aufgehört, an dieses Kind zu denken und das Samenkorn in meinem Geist keimte aus. Die Begegnung mit diesem Jungen half mir zu sehen, dass es absurd ist, vom Standpunkt meines westlichen Denkens her die Dinge zu beurteilen, und dass das Kind sicher das Recht hatte, sich zu verteidigen. Wenn ich heute engagierte Kinder filme, dann will ich Kinder zeigen, die sich nicht länger ihr Rückgrat brechen lassen, die sich wehren, die dafür aufstehen, dass die internationalen Kinderrechte auf der ganzen Welt gelten. Kinder sind sich mehr und mehr der Probleme bewusst, mit denen sie konfrontiert sind, und ihre Worte werden mehr und mehr gehört. Also möchte ich heute diese kleinen Hoffnungsmacher aus allen vier Ecken der Welt suchen und ins Licht stellen und am Ende meine Kamera doch noch nützlich machen. Ich möchte positive Samenkörner in die Gehirne der Zuschauer pflanzen.

Wie haben Sie diese engagierten Kinder überall auf der Welt gefunden?

Es gibt heute viele Kinder, die kämpfen und sich engagieren, eine richtige Bewegung. Aber diese Kinder zu finden, die ausreichend exemplarisch für einen Film sind, war eine schwere Arbeit. Es verging viel Zeit, doch das Thema war relativ zugänglich. Durch die Existenz der sozialen Netzwerke und des Internets erfährt man leicht davon, wenn das kleinste Kind am Ende der Welt etwas Unglaubliches schafft. Es gibt zwangsläufi g irgendwo einen Artikel über dieses Kind. Die Menschen berichten davon, weil es sie berührt.
Die Beachtung der Kinder, die sich engagieren, hängt natürlich auch von dem Land ab, in dem sie agieren. Es gibt Länder, in denen man ihnen kein Gehör schenkt, in denen die Kinder lauter schreien müssen, während es in den westlichen Ländern normal ist, den Kindern zuzuhören. Bei uns gibt es viele Kinder, die zu helfen versuchen, wenn sie etwas betroffen macht, sei es, dass sie Erschütterndes vor ihrer eigenen Haustür beobachten, sei es, dass es um etwas geht, das in weiter Ferne passiert. Ich denke an den kleinen Arthur, der den Obdachlosen hilft, indem er Bilder malt. Aber ich denke auch an Khloe, die den Ärmsten der Armen in Los Angeles hilft. Und ich denke an andere Kinder wie Greta Thunberg, die sich für die Rettung des Klimas einsetzt. All dies sind Kinder, deren Worte gehört und die von den Erwachsenen akzeptiert werden. Und dann sind da die Länder, in denen die Kinder nicht das Recht haben, zu sprechen, deren Eltern sie nicht unterstützen können und so sind sie gezwungen, sich auf andere Art durchzusetzen. Das ist etwas, das man auch im Film sieht.

Haben diese Kinder Sie überrascht?

Ich war berührt, erschüttert, überrascht, erstaunt über alle Kinder, die ich gefilmt habe! Es ist unglaublich zu realisie-ren, an welchem Punkt wir, die Erwachsenen, aufgegeben haben. Der Hunger, das Elend, die Obdachlosen, die Ar-beitslosigkeit! Wenn man ein Erwachsener ist, sagt man sich, das sind die Probleme, die zu groß sind, als dass man sie angehen könnte. Kinder denken überhaupt nicht so. Das ist faszinierend und man entdeckt das im Film. Sie sagen sich nicht, „Ich löse das Problem der Hungersnot.“, sondern „Ich werde zehn Personen in meinem Viertel helfen.“ Und wenn Tausende von Kindern oder Tausende von Leuten dies tun würden, dann könnte man selbstverständlich auch die großen Probleme lösen.

Kann diese unschuldige Herangehensweise der Kinder auch die Erwachsenen mobilisieren?

Natürlich bewegen diese Kinder viele Dinge in uns und werden uns voranbringen. Die Eltern sind oft überwältigt, solch unglaublich motivierte Kinder zu haben, die so vernetzt sind, derart fähig, sich mit so viel Energie in eine Sache zu werfen. Und man sieht, dass die Kinder, die sich für andere einsetzen, eine enorme Unterstützung durch die sozialen Netzwerke erhalten, bis hin zur finanziellen Unterstützung. Selbst, wenn die Leute nur 10 Euro geben. Es gibt viele Erwachsene, die Geld an Vereine geben, die von Kindern geschaffen wurden. Die Kinder bringen die Erwachsenen durch ihren Kampf dazu, etwas zu ändern, was eine enorme Macht ist. Es ist unmöglich, dieser Kraft zu widerstehen.

Befinden wir uns aktuell in einer Epoche, in der wir mehr auf die Kinder hören als auf die Erwachsenen?

Es gibt große Unterschiede zwischen den Kindern, die ich gefilmt habe. Aber es gibt eine Sache, die sie alle vereint: Alle Kinder im Film tun etwas sehr Konkretes. Ich denke an den Peruaner José Adolfo, der die erste Umweltbank für Kinder geschaffen hat. Er hat eine konkrete Maschine zum Laufen gebracht, die dazu führt, dass den ärmsten Kindern geholfen wird und das alles, indem der Planet sauber gehalten wird. Aïssatou verbringt die Tage damit, gegen die Zwangsverheiratung kleiner Mädchen in Guinea zu kämpfen. Wenn sie mit den Leuten auf der Straße in Kontakt tritt, um auf schwerwiegende Ungerechtigkeiten hinzuweisen, sind viele Leute nicht mit ihr einer Meinung oder sie verstehen nicht, dass ein Mädchen in ihrem Alter sich nicht unterzuordnen versteht und greifen sie an. Für Heena, die kleine Inderin, ist es das Gleiche. Wenn sie unangenehme Fragen stellt, begibt sie sich in eine gefährliche Situation, die Erwachsenen reagieren nicht selten mit Gewalt. Aber das hindert diese kleinen Mädchen nicht daran, jeden Tag aufs Neue für ihre Sache einzutreten und zu handeln. Sie sind stärker, wie Malala, dieses Mädchen, das für die Schulbildung der Mädchen in Pakistan kämpft und ein Attentat überlebte, bevor es den Friedensnobelpreis bekam. Die Kinder sind fähig, etwas zu machen, alles ist in der Aktion. Sie sind nach ihren Möglichkeiten in etwas vertieft, das konkret ist. Für mich besitzen sie eine Aura des Genies, der Gnade, der Kraft.
Ihnen allen gemein ist, dass sie sich nicht damit begnügen, Dinge anzusprechen. Das ist der Unterschied zu Greta Thunberg, die sagt, „Die Welt ist in Gefahr, der Planet ist in Gefahr, macht was!“ Ein Aufruf. Sie ruft auf, mobilisiert, aber sie versucht nicht, selbst die Probleme zu lösen. Die Kinder im Film handeln, selbst wenn es nur darum geht, drei Personen zu retten. Ich denke, dass es das ist, was an all meinen Porträts interessant ist. Und es gibt Tausende, die dasselbe tun. Ihr Beispiel wird wiederum andere aufwecken und vielleicht in 20 oder 30 Jahren sind es so viele, dass es das Weltgeschehen verändert.

Haben diese Kinder das Bewusstsein, ihre Rechte zu verteidigen? Für die Rechte des Kindes zu handeln?

Obwohl sie extrem arm sind und aus den Slums in den Tiefen Afrikas oder Indiens kommen, sind sie sich bewusst, dass sie durch ihr Handeln die Rechte der Kinder verteidigen, die Welt verändern, etwas bewirken und Menschen retten. Ja, sie handeln mit vollem Bewusstsein. Und das ist das wirklich Neue und das ist es, was uns Erwachsene so sehr erstaunt ... Sie sind klarer, aktiver und viel weniger verzweifelt als viele von uns!

Gibt es Ihrer Meinung nach ein bestimmtes Familienmodell, das Kinder ermutigt, sich zu engagieren?

Diejenigen, die sich für die Verteidigung ihrer Rechte einsetzen, sind oft Kinder aus Entwicklungsländern und sie gehören zu Familien, die im Allgemeinen arm sind. Sie haben Eltern, die nicht zur Schule gegangen sind und die oft weder lesen noch schreiben können. Es sind sehr, sehr bescheidene Familien, die plötzlich ein ungewöhnliches und engagiertes Kind haben. Aber ich denke, es ist eine fundamentale Bewegung auf dem ganzen Planeten. Und es gibt immer mehr von ihnen! Bolivianische Kinder zum Beispiel, die kämpfen und es schaffen, die Gesetze in Bolivien zu ändern, die in Gewerkschaften sind, die arbeiten und gleichzeitig zur Schule gehen und den anderen Kindern in der Gewerkschaft helfen, sie alle kommen aus armen Familien, deren Eltern immer ausgebeutet wurden und Analphabeten sind. So viel Hoffnung zwischen diesen beiden Generationen! Andererseits sind es in den westlichen Ländern oft die Eltern, die durch ihre Erziehung dem Kind eine Stimme geben, die es nicht zurückhalten, wenn das Kind eine ungewöhnliche Idee hat... Sie sind in der Tat Eltern, die ein wenig originell sind, wenn man es genauer betrachtet. Und das macht die Kinder immer offener, bewusster, zuhörend und mit der Realität unserer Welt verbunden.

Was ändert sich durch das Engagement in der Eltern-Kind-Beziehung?

Das Engagement des Kindes lässt die Energie in der Familie anders zirkulieren, das Kind stellt sich selbst in den Dienst einer Sache und in einem zweiten Schritt auch die ganze Familie. Die Eltern verpflichten sich, dem Kind zu folgen, so stark ist die Energie des Kindes! Es ist faszinierend zu sehen, wie manche Eltern erst hineingezogen wer den und sich dann nicht mehr zurückziehen können, weil ihr Kind sich so stark für seine Sache engagiert! Die Eltern müssen natürlich viel Freizeit haben, um ihren Kindern bei den Aktionen zu helfen. Und es bringt ihr Leben völlig durcheinander! José Adolfo, der diese Öko-Bank gegründet hat, hat seinen Vater als Assistenten abgeworben. Und es ist wirklich so, dass der Vater den ganzen Film über wie ein Sekretär hinter José steht (lacht). Es ist der Sohn, der spricht, es ist der Sohn, der lenkt, und der Vater folgt seinem Sohn mit der größten Bewunderung und dem größten Stolz der Welt. Das ist es, was es in einer Familie bewirkt, es ist ziemlich verrückt!

Was ist Ihre beste Erinnerung an die Dreharbeiten?

Das sind unglaubliche Begegnungen. Ich werde nicht sa-gen, dass es „gute“ Erinnerungen sind, aber Erinnerungen, die emotional extrem stark sind! Und ich habe viele davon! Arthur, der kleine französische Junge, berührt mich sehr. Der Weg, den er auf der Straße geht, um die Obdachlosen zu treffen. Wir schauen bestenfalls hin, aber schlimmsten-falls tun wir so, als ob wir sie nicht sehen. 90 % der Men-schen wechseln die Fußwege, weil sie den Obdachlosen nicht begegnen wollen, die in unser aufgeräumtes Land nicht hinpassen. Und dann dieses kleine, 10-jährige Kind zu sehen, das direkt und unvoreingenommen zu ihnen hin-geht, mit ihnen spricht, ihnen zuhört, sie anlächelt, ihnen vielleicht einen Kuss gibt und eine Decke bringt. Ich habe hinter der Kamera geweint, ehrlich gesagt, er ist ein Engel. Das ist ein außergewöhnlicher, schwieriger Moment im Le-ben, eine bleibende emotionale Erinnerung...

Welche Botschaft hat der Film?

Egal wie optimistisch, wie positiv wir die Kinder im Film zeigen: Es gibt nicht die „kleinen Fälle“, es gibt nicht die „kleinen Engagements“, helfen, und sei es auch nur einer einzigen Person, ist schon an sich etwas Enormes. Es geht um all diese Gesten, die in ihrer Summe die Welt am Ende verändern werden. Und die gute Nachricht ist: Wir können ALLE etwas tun.

Dokumentarfilm, Frankreich 2019, 84 Minuten, Regie: Gilles de Maistre, ohne Altersbeschränkung, im Kino ab 11.02.2021

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