Kolumne

Wissen, was zählt

Frau Karli · 21.01.2016

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Foto: Pexels

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Oder: Navigieren statt bloß studieren

Hin und wieder stelle ich erleichtert fest, dass ich mit meinen - oft nicht mehrheitsfähigen - Ansichten ja gar nicht allein bin. Zum Beispiel finde ich, dass Wissen in unserem Zeitalter absolut überschätzt wird. Unglaubliche kulturelle und wissenschaftliche Schätze sind omnipräsent und per Mausklick abrufbar - und das auch noch kostenlos. Stöbern Sie doch beispielsweise mal im Angebot von Coursera, wo die Lerninhalte renommierter Elite-Universitäten zur Verfügung stehen. Oder schlemmen Sie sich durch die Online-Archive der BBC: Ich persönlich bräuchte locker noch drei weitere Menschenleben, um mir alle Interview-Mitschnitte der Gegenwart und der vergangenen Jahrzehnte, die mich interessieren, anzuhören. Danach würde ich alle Klamotten und Püppchen nähen, häkeln und stricken, die ich in meinen Favourites abgespeichert habe - rein handwerklich wäre das überhaupt kein Problem, dank mannigfacher Youtube-Tutorials.

Doch wer kann etwas mit diesen Perlen der Menscheit anfangen? Doch nur die, denen sie etwas bedeuten. Und vor allem nur die, die persönliche Präferenzen überhaupt entwickeln konnten! Wir, die wir noch nicht als Digital Natives zur Welt kamen, hatten noch unverplante Zeit und Raum, um nach innen zu wachsen. Heute sind die Zeitfenster schon wesentlich enger gesetzt, in denen ein Kind überhaupt in sich kehren und ein Gespür für sich, für persönliche Vorlieben oder - ganz banal: für Mitmenschen entwickeln kann.

In einer Welt nach meinen Vorstellungen würde man unseren Kindern in der Schule nicht nur Faktenwissen und Lerntechniken vermitteln, sondern vor allem auch: Wie man mit Wissen umgeht. Wie man beurteilt, was wann für wen relevant ist. Und wie man Irrelevantes ausblendet: Wie man sich abschirmt vor visuellen, akustischen und emotionalen Reizen, die täglich, stündlich, ständig auf uns eindonnern. Nicht einmal die Erwachsenen beherrschen die Kunst der klaren Unterscheidung zwischen Information, Unternehmensbotschaft und interessengebundener Medienpropaganda. In dieser Art räsonierte ich neulich so vor mich hin, als eine Kundin ausrief: „Genau das sagt Gerald Hüther auch!" Sollte Ihnen Frau Karli also zu überdreht sein, lesen Sie den Neurobiologen Professor Gerald Hüther, der Ihnen wissenschaftlich fundiert darlegen kann, was Kinder brauchen, um später nicht als willenlose PowerPoint-Drohnen zu enden. In einem Hamsterrad, das von innen vielleicht so aussieht wie eine Karriereleiter.

Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote schuhe© John Krempl/photocase.com

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