Kolumne

Schnipp, schnapp, ab!

Frau Karli · 14.10.2013

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Foto: Pexels

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ODER: Trauma mit Nostalgiefaktor...aus dem Leben der Frau Karli

Vielleicht kennen Sie das: Man vergisst Raum und Zeit, widmet sich ganz der Aufgabe, mit der man gerade beschäftigt ist. „Flow" nennen Psychologen diesen rauschhaften Zustand. So ein Flow-Erlebnis ist ein feine Sache, doch es stellt sich nicht von selbst ein und erst recht nicht in jeder Situation. Zum einen muss einem die Tätigkeit gefallen und zum anderen sollte die Anforderung so hoch sein, dass sie die volle Konzentration erfordert.

Aber nur die Spitzen

Haareschneiden zum Beispiel gefällt mir sehr - und es ist eine anspruchsvolle Aufgabe (für mich jedenfalls, schließlich bin ich keine Friseurin). Besonders meiner vertrauensseligen fünfjährigen Tochter M. schneide ich gern das Haar. Unser Ritual geht so: Ein Kinderfilm ihrer Wahl flimmert auf dem Laptop, das auf der Toilette thront. M. sitzt auf ihrem Holzstühlchen in der Wanne und ich lasse mich von meinen Instinkten treiben.
Neulich war es wieder soweit. „Aber nur die Spitzen", hörte ich M. noch sagen. Hach, ist das ein herrliches Gefühl, wenn das feine Kindshaar einem durch die Finger gleitet! Und wie hübsch es hinab fällt! Wie Schneeflocken! Nach einer Weile entrückten Schnippelns ließ ich die Schere sinken und begutachtete stolz das Ergebnis: Ich hatte M. eine Art gestuften Bob verpasst. So frisch, so modern! Beglückt hielt ich meiner Tochter den Spiegel vor.

Ein Bob als Liebeserklärung

Nie vergesse ich diesen Ausdruck schieren Entsetzens auf dem kleinen Gesichtchen. Den Schrei, der in leises Wimmern überging („Warum hast du das getan?" „Ich kann nie mehr in den Kindergarten gehen!“ „Die lachen mich alle aus!"). Ich hatte furchtbare Gewissensbisse - weshalb ich M. vorzeitig die Barbie überreichte, die sie eigentlich erst zum Geburtstag hätte kriegen sollen. Und noch lange grübelte ich über den Zwischenfall nach. Dann fiel mir etwas Verblüffendes, Zauberhaftes, Wunderbares ein! Hektisch-detektivisch kramte ich in der alten Fotokiste - und fand sie schließlich: Fotos von „Tubelebübchen", meiner mittleren Schwester, im Alter von fünf. Und da war er - der gestufte Bob! Die Ähnlichkeit mit M. war verblüffend. Als ich meiner Tochter die Bilder zeigte, fragte sie verwirrt: „Bin ich das?" Da haben Sie es, Leser: Der Bob war gar kein mütterlicher Übergriff! Sondern eine... jawohl: eine unterbewusste Liebeserklärung! Von mir! An meine Schwester! Und, hey, das ist jetzt echt keine Schönrederei.

Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote Schuhe

© John Krempl/photocase.com

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