Kolumne

Schlaf. Jetzt. Ein!

Frau Karli · 17.04.2015

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Foto: Pexels

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Oder: Jenseits der Stille

Auch wenn wir unsere Kinder sehr lieben, lechzen mein Mann und ich oft den Stunden entgegen, wenn die vier Äugelchen endlich fest geschlossen sind und unser Feierabend beginnt. Dann können wir ­ ja nun: ungestört aufräumen, Papierkram erledigen und durch das Internet oder unsere eigenen Erwachsenengedanken surfen. Was dachten Sie denn? Feiern? Nein, danke ­ ein durchgefeierter Abend ist derzeit für mich nur dann eine reizvolle Vorstellung, wenn ich erstens die Nacht im Hotel verbringen und zweitens am nächsten Morgen auf jeden Fall ausschlafen darf. Nein, ich stehe dazu: In dieser speziellen Lebensphase empfinde ich unverschämten Genuss beim spätabendlichen, schweigsamen Wegbringen der Pfandflaschen.

Losgelöste Eltern aus dem Viertel

Ich weiß, dass es anderen reizüberfluteten Eltern hier im Viertel genauso geht. Wenn ich gegen 22 Uhr in meditativer Stimmung und ohne wirkliche Kaufabsichten durch den Supermarkt streife, begegnen sie mir: Artgenossen. Wir erkennen einander an den Stöpseln in den Ohren, den schwebenden Schritten und dem seligen, losgelösten Gesichtsausdruck. Ein Ausdruck, wie wenn nach einem schrecklichen Dudelsackkonzert endlich die letzten Töne verklingen und Ruhe einkehrt. Meine Ohrstöpsel sind übrigens still ­ ich habe sie nur auf, damit mich niemand anspricht.

Familienkarma ist wichtig

Um solche Momente auskosten zu können, sorge ich am Abend für einen effizienten Workflow: Ich bin kooperativ und einfallsreich, wenn es darum geht, die Töchter in den Schlaf zu begleiten. Die Kleine schläft nur ein, wenn ich ihr meinen Zeigefinger ins linke Ohr stecke? Kann sie haben. Ein Glas Wasser für die Große? Von mir aus, wir haben ja einen Matratzenschoner. Doch neuerdings will die Große nach dem Vorlesen immer kuscheln. Und zwar ausgiebig! Aber ich habe schon zum Gegenschlag ausgeholt und ausgehandelt, dass ich nur so lange bei ihr bleibe, wie ihr Lobhudeleien über mich einfallen. Ja, Sie lesen richtig: Um unser Familienkarma zu pflegen, zwinge ich mein Kind, mir alle meine positiven Eigenschaften als Mutter und Mensch herunterzubeten (insbesondere vor dem Einschlafen eine überaus sinnvolle Maßnahme, da dann alles ins Unterbewusstsein sickert). So wird sie schnell müde und will mich loswerden. Wie ich das nenne? Win-win!

Herzlichst Ihre
Frau Karli

 
 
 
 

 

rote Schuhe
© John Krempl/photocase.com

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