Kolumne

Ommmmm

Frau Karli · 23.10.2014

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Foto: Pexels

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ODER: Spiritueller Parcours

Putzigerweise bedeutet der Name unseres Babys „das Licht Gottes“ (Preisfrage an die Leser: Wie lautet der Kindsname, na? Tipp: Er ist altenglischer und israelischer Herkunft). Haben sich nun mit der Geburt unserer zweiten Tochter gar meine persönlichen Chancen auf Erleuchtung verbessert?

Erleuchtet zu sein, das wär’s! Das Kopfkino ausschalten. Die mickrige Neigung, sich über alltägliche Banalitäten zu ärgern, einfach ablegen. Oder – wie meine chinesische Oma es wohl ausdrücken würde: Zum stillen See werden, in dem sich der Glanz der Sterne spiegelt. Ist ein solcher Zustand erreichbar für berufstätige Mütter mit chronischem Schlafmangel und überquellendem Wäschekorb? Vielleicht, wenn wir den stressigen Alltag als Achtsamkeitsübung nutzen!

Das Licht Gottes schmiert Frischkäse in die Ritzen des Tisches

Mein spiritueller Parcours begann nach einer von Still-Intervallen durchlöcherten Nacht: Die Schulpflicht zwingt mich, unsere Große, die friedlich und genussvoll ihr Frühstück verzehrt, zur Eile anzutreiben. Ich atme ein und atme aus und bleibe gaaanz ruhig, obwohl mich die Seelenruhe des Kindes in den W-a-h-n-s-i-n-n treibt. Währenddessen schmiert das Licht Gottes den Frischkäse in die Ritzen des Tisches und in die eigenen Ohren. Nachdem die Große (natürlich zu spät) abgeliefert wurde, fahre ich mit dem Baby zum Kinderarzt – Impftermin. Obwohl ich spät dran bin, beachte ich die Geschwindigkeitsbegrenzung und lasse eine alte Dame mit Rollator die Straße überqueren, was den Gentleman hinter mir zu hysterischem Hupen veranlasst. Ich versuche, ihm durch den Rückspiegel friedliche Ommm-Energie zu übermitteln, worauf wildes Rufen und Grimassieren folgt.

Gefühlte 99 Achtsamkeitsübungen später: Das Abendessen wird von der Großen kaum angerührt. Grund: kein Hunger. Stumm räume ich ab. Nach dem Zähneputzen und Vorlesen kann die Große nicht einschlafen. Grund: Hunger. Es folgt eine ritualisierte, von beiden Seiten zunehmend unsachlich geführte Unterhaltung um Essenszeiten und Vereinbarungen. In meinem Hinterkopf säuselt es sanftmütig: „Die Beziehung zu deinem Kind ist stets wichtiger als die Situation.“ Essen gebe ich ihr trotzdem keins – basta! Als die Kinder schlafen, gehört der Abend mir. Auf die Meditation „Liebende Güte“ pfeife ich, stattdessen ballere ich mir zwei Folgen meiner Lieblingsserie rein. Sherlock! Dazu Chips und Schokolade, juchu! Und überhaupt finde ich: Erleuchtung ist überbewertet.

Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote Schuhe

© John Krempl/photocase.com

 

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