Kolumne

Nachruf

Frau Karli · 22.07.2014

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Foto: Pexels

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Oder: Zu gut für diese Welt

Bobo Karli, der im Alter von zweieinhalb Jahren unter mysteriösen Umständen spurlos verschwand, war ein freundlicher, aufopfernder Kerl mit neugierigen Kulleraugen und buschigem Schwanz. Bis zum Tag seines tragischen Verschwindens stellte er seiner humanoiden Halterin seinen linken Arm zur Verfügung, der von ihr bis zur Unkenntlichkeit verdreht, gebissen und eingespeichelt wurde.

Diese und andere grausame Misshandlungen erduldete der „lustige Nager“ (unter anderem wurde er mehrfach bis zur völligen Orientierungslosigkeit in der Waschmaschine geschleudert), ohne je ein Wort der Klage zu verlieren. Und obwohl er von uns unter desolaten Bedingungen gehalten wurde, schenkte er uns stets ein niedliches Lächeln, als wäre alles in Ordnung. Natürlich war in Wahrheit nichts in Ordnung: Wir waren taub und blind für sein Leid. Unser Interesse an ihm war oberflächlich und nutzenorientiert, über seine Herkunft wussten wir so gut wie nichts. Woher stammte er? Aus Indien? Aus ärmlichen Verhältnissen in China? Wir werden es nie erfahren.

Vielleicht wollte sie die Wahrheit auch gar nicht wissen

Ob er entführt oder auf einem seiner zahlreichen Außeneinsätze in der Bücherei aus dem Buggy fiel, konnte nie geklärt werden. Fakt ist, dass seine Halterin, die heute sechs Jahre alt ist, nie von seinem Verschwinden erfuhr: Die Sache wurde verschleiert und Bobo in einer ruchlosen Nachmittags- und Nebelaktion einfach ersetzt. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Übergabe. Es war ein grauer Tag mit Pfannkuchen. Unsere damals dreijährige Tochter M. verlangte nach Bobo und wir überreichten ihr dessen niegelnagelneuen Nachfolger. Ein Anflug von Zweifel huschte über ihr Gesicht, als sie den unversehrten linken Arm erblickte. „Bo... Bobo?“ Mein Mann und ich tauschten schnelle Psycho-Blicke aus. „Ja, weißt du, ich habe ihn gewaschen!“, improvisierte ich mit gekünstelter Fröhlichkeit. „Unglaublich, was so ein bisschen Seife und Wasser ausmachen, was? Sieh nur, er sieht aus wie neu!“ Und was soll ich sagen, M. stellte keine weiteren Fragen. Vielleicht wollte sie die Wahrheit auch gar nicht wissen. Doch bis heute hat sie nie wieder auf „Bobos“ linkem Arm herumgekaut ...

Herzlichst Ihre
Frau Karli

 

rote Schuhe

© John Krempl/photocase.com

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