Kolumne

Metamorphose

Frau Karli · 29.09.2015

zurück zur Übersicht
Foto: Pexels

Foto: Pexels

Oder: Ein- und Abgewöhnung

Die Metamorphose des Kindes ist eine Geschichte voller Eroberungen, aber auch voller Abschiede und Missverständnisse. Tag für Tag diese schmerzlich-süßliche Ambivalenz! Wir staunen über neue Facetten und Fertigkeiten unserer Erbgut-Erben und Erbgut-Erbinnen (man hat ja sonst nix zu vererben), die uns – nicht immer, aber oft genug – für vollgekrümelte Betten und ruinierte Bikiniregionen entschädigen. Doch mit jeder neuen Fähigkeit verschwindet ein Stück Baby, ein Stück Kleinkind: Plötzlich formuliert da eine Vierjährige korrekt: „Da kommt unsere Bahn“, während die Eltern noch kreischen: „Unse Bahn! Unse Bahn!“. Und die Kopffussel einer Zweijährigen lassen sich verflechten – fortan kann das Kind zum zeitgemäßen Outfit eine reizvolle, klassische Renaissance-Frisur tragen, die den weiblichen Hinterkopf schön betont. Und doch seufzt die Mutter innerlich: Adieu, Pusteblumen-Look! Dich hab ich auch geliebt.

Ein neues, weniger vorteilhaftes Licht ...

Was einen aber so richtig umhaut, sind die Missverständnisse. Dreiundzwanzig Monate habe ich dem Ende unserer innigen Symbiose entgegengebangt. Schließlich ist die Eingewöhnung bei der Tagesmutter eine Phase von gewisser Tragweite. Würde mein geliebtes Kind Vertrauen fassen? Würde es zulassen, dass eine fremde Person seine Tränen trocknet und den kleinen Po mit Feuchttüchern bearbeitet? Was ich nicht bedacht hatte: Die EINgewöhnung bei der Tagesmutter geht mit einer ABgewöhnung von der leiblichen Mutter einher. Die Realität sieht nämlich so aus: Seit sie „Chinchin“ (laut Personalausweis „Kirsten“) kennt, sieht mich meine Tochter anscheinend in einem neuen, irgendwie weniger vorteilhaften Licht.

Was hat sie, was ich nicht hab?

Noch vor Sonnenaufgang springt sie aus dem Bett und verlangt, zu Chinchin gebracht zu werden. Dabei war unsere Beziehung bisher immer so harmonisch gewesen: Ich am Rechner und sie auf dem Boden daneben, ich an der Spülmaschine und sie auf dem Boden daneben, ich im Supermarkt und sie im Buggy daneben – alles lief wie geschmiert! Gut, vielleicht hätte ich öfter mit ihr auf den Spielplatz gehen können (ich hasse Spielplätze!). Aber nun hat sie ja Chinchin. Chinchin, die die besseren Spielsachen hat, offenbar besser kocht und mehrmals die Woche kindgerechte Outdoor-Erlebnisse bietet. Was Chinchin sonst noch hat, was ich nicht habe, werde ich sicher bald erfahren ...

Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote Schuhe

© John Krempl/photocase.com

 

 

Tags: