Kolumne

Kreissaal-Romantik

Frau Karli · 16.07.2014

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Foto: Pexels

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Oder: Lockerungsübungen für Gebärende und Angehörige

Geschätzte Leser,

vor Ihren ungläubigen Augen präsentiert sich eine redaktionelle Premiere: Diese Glosse schreibe ich quasi unter Eröffnungswehen, zwischen endlosen CTG-Sessions, semi-sportlichen Treppengängen und Krisensitzungen im Kreißsaal. Was soll ich sagen – irgendwie muss man die Zeit ja sinnvoll und konstruktiv nutzen und außerdem lenkt das Schreiben von den Schme-errzen ab!

Sie werden verstehen, dass ich so kurz vor der Niederkunft auf meinen mentalen Schutzraum achte. Deshalb folgen keine rustikalen Details (mit denen ich durchaus aufwarten könnte), angstbesetzte Darlegungen medizinischer Zwickmühlen (die schon auf der Formulierungsebene unlösbar erscheinen) oder die üblichen Kreißsaal-Horrorgeschichten (die zur schlimmsten Sorte mentaler Verunreinigung zählen). Lassen Sie mich stattdessen schildern, wie man die aufregende Zeit in der Klinik auch erleben kann.

Fachsimpeleien über die Wasserqualität von Seen sind unverfänglich

Zunächst ein paar Worte zur bewussten Karma-Kontrolle: Ich finde es wichtig, selbst ein Klima der Menschlichkeit und Wärme zu verbreiten – jene Atmosphäre eben, die ich mir umgekehrt auch von der Geburtsklinik wünsche. Zum einen, weil das Leben keine Einbahnstraße ist – und zum anderen, weil eine entspannte, zugewandte Haltung auch für den gesamten Geburtsvorgang wichtig ist. Schließlich ist die Entbindung nicht nur eine mechanische Herausforderung für den Körper, sondern sie umfasst auch die komplexen Wechselwirkungen unserer Sinne und Gedanken. Andere Eltern in Wartezonen lieb anzulächeln und sie in ein Gespräch zu verwickeln ist beispielsweise eine wunderbare mentale Lockerungsübung, deren Wirkung man noch verstärken kann, indem man geburtsrelevante Themen völlig ausklammert. Jawohl: Fachsimpeleien über die Wasserqualität von Seen oder ulkige Einfuhrbestimmungen von Pistazien sind unverfänglich und zuweilen sogar interessant! In diskreten Momenten (mit dem Kindsvater) ein wenig herumzuturteln schadet auch nicht. Mein Mann hat  sogar eine hübsche Choreographie zum CTG-Beat unseres zweiten Töchterchens entwickelt, aber das ist nun wirklich was für fortgeschrittene mentale Entspannungsakrobaten ...

Herzlichst Ihre
Frau Karli

 

Rote Schuhe
© john krempl/photocase.com

 

 

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