Kolumne

In Würde und Anmut

Frau Karli · 22.05.2017

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Foto: pexels

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Oder: Mutterphantasien

In einer Welt nach meinem Geschmack gäbe es die unumstößliche Regelung, dass man Mütter durch- und ausschlafen zu lassen hat – insbesondere am Wochenende, an Feiertagen sowie im „Urlaub“. Dieses Gebot wäre gesetzlich verankert. In einem Unterparagraphen wäre zudem geregelt, dass die tägliche Dienstzeit einer jeden Mutter erst beginnt, wenn sie in Ruhe (!) geduscht und sich vollständig (!!!) bekleidet hat, sodass sie den Tag in Würde und Anmut angehen kann. Überhaupt wäre ihre Würde zu respektieren, ebenso wie die Unantastbarkeit ihrer Handtasche und ihrer Frisur. Ihr Haar zu verwuscheln wäre jedoch zu bestimmten Zeiten und mit Sondergenehmigung erlaubt (wir wollen mal locker bleiben).

In einer Welt nach meinem Geschmack gälte es außerdem als moralisch verwerflich, die heilige Ordnung, die von der Mutter unter immenser Anstrengung für ihre Familie hergestellt wird, zu schänden. Als Zeichen des Entgegenkommens würde die Mutter darauf verzichten, zur eigenen Genugtuung hin und wieder heimlich Besitzgegenstände einzelner Familienmitglieder zu entsorgen.

Und natürlich wäre es in einer Welt nach meinem Geschmack eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Masse teilt, wenn eine Mutter mit ihrem Gefolge den Supermarkt betritt. Alle würden demutsvoll das Haupt neigen und in stiller Andacht und Bewunderung abwarten, bis die Mutter und ihre Kinder ihre Besorgungen erledigt und an der Kasse gezahlt hätten. Die Kassiererin würde ihr Werk verrichten und der Prozession noch einen kurzen Moment schwelgerisch hinterherblicken, ehe das Chaos der Welt wieder seinen Lauf nähme.

Aber wissen Sie, was komisch ist? Gar nichts teilt sich, wenn wir den Supermarkt betreten, und „Frisuren“ kenne ich nur aus Magazinen und Youtube-Tutorials von jungen Russinnen, die die Zeit, Fingerfertigkeit und Energie haben, um ihr Haupthaar in märchenhaft hübschen Flecht-Formationen zu arrangieren. Aber hach, man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Herzlichst
Ihre Frau Karli


© John Krempl/photocase.com

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