Kolumne

Familienaufstellung

Frau Karli · 29.06.2016

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Oder: Von den Rollen, die wir spielen.

Bevor ich Mutter wurde, hatte ich viele Leidenschaften, die mich noch heute bewohnen und manchmal mit so einer Widerstand-ist-zwecklos-Wucht in den Vordergrund donnern. Dann stehe ich meiner Familie schlichtweg nicht mehr zur Verfügung. Nur vorübergehend natürlich, aber es kommt schon vor, dass das Familienleben – etwa an einem Sonntagvormittag – völlig an mir vorbeirauscht, während ich selig ein Bild male oder Seepferdchen mit Lockenfrisur und Turban modelliere oder einen Gesellschaftsroman von Vita Sackville-West, dicke Wälzer zur Entwicklung der Menschheit von Don Beck oder Scifi-Jungsbücher von Eoin Colfer lese.

Die Sprechrollen verteilen sich neu

Wenn ich dann so richtig auf Tauchstation bin, passiert gelegentlich etwas Ulkiges: Die Sprechrollen verteilen sich neu. Plötzlich sagen andere Familienmitglieder meinen Text auf – mein Mann nörgelt an unserer Achtjährigen herum (der übliche Kanon: das Zimmer, Trödelei, heulsusiges Rumgememme). Dabei trägt er verblüffend wortgetreu meine „Argumente“ vor, die bei ihm normalerweise Augenverdrehen verursachen. Oder sie stichelt ihn in einem Ton, der mir ebenfalls unheimlich bekannt vorkommt. Manchmal versuchen die beiden, mich hineinzuziehen, aber ich kann die Dynamik dann nicht mehr ernst genug nehmen, um richtig mitzumachen. Jedenfalls nicht in der üblichen Rollenverteilung. Zuweilen regt sich in mir der Impuls zu vermitteln (die Rolle meines Mannes), aber wissen Sie, so ein Bild zu malen erfordert Hingabe und Konzentration und man muss schließlich bei sich bleiben.

Dem Unterbewusstsein ein Schnippchen schlagen

Jedenfalls liegt der Schluss nahe, dass es ein vorgefertigtes Script gibt – und wir sagen alle bloß brav den Text auf, der uns zugewiesen wurde. Was für mich wiederum heißt, dass man dem Unterbewusstsein oder wer auch immer für das oft miese, banale, klischeelastige Drehbuch verantwortlich ist, unbedingt hier und da ein Schnippchen schlagen sollte! Es lohnt sich immer, nicht gleich die ersten Worte rauszuhauen, die einem in den Sinn kommen. Denn die sind höchstwahrscheinlich bloß das erst-doofe Ergebnis absolut berechenbarer Dynamiken. Interessanter ist es, die Gedanken dahinter abzuwarten.


Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote Schuhe
© John Krempl/photocase.com

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