Kolumne

Alleingang

Frau Karli · 23.07.2014

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Foto: Pexels

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Oder: In freier Wildbahn

Sonntag, 9 Uhr in Deutschland. Wir sprechen kein Wort. Meine seit Kurzem sechsjährige Tochter M. und ich ziehen unsere Jacken an und verlassen das Haus, aber nicht gemeinsam, sondern nacheinander. Ich wechsele die Straßenseite und beobachte aus dem Augenwinkel (direkter Blickkontakt ist mir nicht gestattet), wie meine Tochter die Straße überquert und zielstrebig weitergeht. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft kommt meiner Tochter entgegen, es werden einige Worte gewechselt. Erstaunte Fragen, fröhliche Antworten – dann geht M. weiter. Wieder überquere ich eine Straße, M. biegt um die Ecke und verschwindet schließlich in einem Hauseingang und aus meinem Blickfeld.

Unser Auftrag verändert sich, ebenso wie sich unsere Kinder verändern

Und dann bleibt die Zeit stehen. Seit wann ist sie da drinnen? Müsste sie nicht längst wieder herausgekommen sein? Gibt es einen Hinterausgang, von dem ich nichts weiß? Ich frage mich, was M. gerade sagt, was sie tut und wie sie dabei aussieht. Dann entspanne ich mich, schalte alle Gedanken aus und gebe mich dem Moment hin. Bilder flackern vor meinem inneren Auge auf: M. als Baby auf dem Bauch, M. als Kleinkind mit joghurtverschmiertem Mund am Strand, M. im Skiurlaub, ihre ersten Schritte. Plötzlich öffnet sich die Tür und M. tritt heraus, mit einer riesigen Tüte voller Brötchen. Ich atme auf und nehme aus einiger Entfernung die Verfolgung wieder auf. Und als ich mein glückliches, stolzes Kind so nach Hause laufen sehe, mit wippendem Haar, die Brötchen fest umklammert, würde ich ihr am liebsten etwas zurufen oder hinlaufen und sie packen und abküssen und durch die Luft wirbeln, aber auch das ist mir natürlich nicht gestattet.

Wir sind die Leibwächter unserer Kinder, doch nur für einen begrenzten Zeitraum – und unser Auftrag verändert sich, ebenso wie sich unsere Kinder verändern. Wenn wir sie bei ihren Abenteuern „beschatten“, während sie durchs Leben krabbeln, wanken, trippeln und stolzieren, beschützen wir sie – werfen aber eben auch einen Schatten auf ihre Erlebnisse. Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, mich rechtzeitig zurückzuziehen. Später am Frühstückstisch genießen wir die ersten selbst gekauften Brötchen unserer Tochter und malen uns ihre nächsten Alleingänge in freier Wildbahn aus: Milch kaufen im Supermarkt, ein Gang zur Post oder vielleicht sogar zum Friseur, mal sehen. Ich lege eine dicke Scheibe Wurst auf mein Brötchen und gebe meinem kleinen, großen Kind einen Kuss.

Herzlichst Ihre
Frau Karli

rote Schuhe

  © John Krempl/photocase.com

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