Kolumne

ÄTSCH, ÄTSCH, GEWONNEN!

Frau Karli · 26.04.2018

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Foto: Pexels

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Oder: Wachsen durch spielen. Unsere Kolumnistin Frau Karli über den Wettkampf beim Familienspiel.

Laut unserer digitalen Hüterin kollektiv gesammelter Informationen und Interpretationen, laut Wikipedia also, beschreibt der Begriff „Frustrationstoleranz“ die „Fähigkeit, eine frustrierende Situation über längere Zeit auszuhalten, ohne die objektiven Faktoren der Situation zu verzerren“. Psychische Spannungen auszuhalten, die aus der Nichtbefriedigung von Triebwünschen herrühren, das lernt der Mensch im Zuge des Individualisierungsprozesses. Dem amerikanischen Psychologen Saul Rosenzweig zufolge weist eine geringe Frustrationstoleranz auf eine bedenkliche Ich-Schwäche hin.

Ich möchte – nein, ich will, dass meine Kinder starke, robuste Ichs entfalten. Gemeinsame Spiele sind hierzu das ideale Trainingsfeld. Unsere Vierjährige jedenfalls spielt sich munter und heiter durch ihren persönlichen Individualisierungsprozess: Sie steckt Niederlagen sportlich und gelassen weg. Vermutlich auch deshalb, weil sie häufig genug auch Siege und wunderbare Spielmomente erlebt – und das nicht etwa, weil wir sie absichtlich gewinnen lassen würden.

„Auf ehrliche Weise verlieren“

Hier meine Empfehlungen für Spiele, bei denen Eltern auf ehrliche Weise verlieren und sich an ihren blitzgescheiten Kindern erfreuen können: Zickezacke Hühnerkacke, Halli Galli und Kniffel junior. Ganz besonders zauberhaft ist das Spiel „Sag’s mir“: Erinnern Sie sich noch an die TV-Sendung Dingsda, in der Ratebegriffe von Kindern umschrieben wurden? So fühlt sich „Sag’s mir“ an – nur noch etwas zauberhafter. Weil es ja das eigene fusselhaarige Kind ist, aus dem plötzlich so ulkige und manchmal verblüffende Gedankengänge herauskommen. Mit unserer Zehnjährigen spielen wir sehr gerne das Zählspiel Kalaha: Es ist fast meditativ, die kleinen Edelsteine in die Holzmulden klackern zu lassen. Oder das schöne Brettspiel „Celestia“ – ein von poetischem Steampunk durchflortes Setting, in dem man einiges lernen kann, zum Beispiel überzeugend zu bluffen. Wenn ich so recht darüber nachdenke, geht es in unserer Familie sehr harmonisch zu …

Es sei denn, mein Mann und ich spielen Tischtennis! Ich weiß auch nicht, irgendwie kommen da unsere jugendlicheren, unausgereifteren Ichs wieder zum Vorschein. Ich hasse es, wenn meine Bälle ins Aus fliegen und mein Mann dann dazu lacht. Wenn er in Mitleid verfällt, werde ich allerdings noch grantiger! Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass ich noch nie, nie, nie gegen meinen Mann gewonnen habe. Und doch freut er sich über jeden Sieg, als wäre es das erste Mal! Ich befürchte, an meiner eigenen Frustrationstoleranz muss ich echt noch arbeiten …

Herzlichst Ihre
Frau Karli

© John Krempl/photocase.com

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