Gesundheit

Interview: Wenn Kinder Alkohol trinken

Thomas Riedel · 06.01.2012

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Thomas Riedel spricht mit Dr. med. Alfred Hubert Wiater, dem Chefarzt der Kinderklinik in Porz, über seine Erfahrungen und Behandlungsmethoden

Welche Fälle mit alkoholisierten Kindern haben Sie in ihrer Klinik?

Die Kinder und Jugendlichen werden meistens in Begleitung aus dem Freundeskreis mit dem Rettungswagen zu uns gebracht. Manche werden auch als „hilflose Personen“ von der Polizei aufgefunden. Schwere Alkoholvergiftungen bei Kindern ab etwa 13,5 Jahren sind keine Seltenheit. Die Alkoholwerte erreichten bei den Patienten in unserer Klinik maximal 2,57 Promille. Die Patienten haben Bewusstseinseinschränkungen, Kreislaufprobleme, Unterzuckerungen, Unterkühlungen und Stoffwechselprobleme. Oft ist das Erinnerungsvermögen eingeschränkt oder es besteht eine Erinnerungslücke.

Wie hat sich die Situation in den letzten Jahren entwickelt?

Noch vor einigen Jahren bestand die Problematik fast ausschließlich nur an Karneval. In den letzten Jahren das ganze Jahr durch, auch während der Woche. Die Zahl der wegen Alkoholvergiftung stationär behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen hat sich bundesweit in den letzten 10 Jahren etwa verdreifacht!

Warum ist Alkohol für Kinder besonders gefährlich?

Zum Einen besteht schon bei niedrigeren Alkoholspiegeln als bei Erwachsenen eine Akutgefährdung mit Lebensbedrohung im Rahmen der akuten Vergiftung. Bei Bewusstseinseinschränkung kann bereits plötzliches Erbrechen zum Erstickungstod führen.
Zum Anderen schädigt der Alkohol einen sich entwickelnden Organismus und hinterlässt damit z.B. am Gehirn noch schneller größere Schäden als es bei Erwachsenen ohnehin der Fall ist.
Schließlich ist das dauerhafte Suchtrisiko bei einem heranreifenden Menschen noch höher als bei Erwachsenen.

Welche langfristigen Auswirkungen hat kindlicher / jugendlicher Alkoholkonsum?

Akute Alkoholvergiftungen können sehr schnell bleibende Hirnschädigungen zur Folge haben. Auch Schädigungen anderer Organe, z.B. der Leber sind zu befürchten. Hinzu kommt eine erhebliche Suchtgefährdung mit bleibenden Defiziten die Persönlichkeitsstruktur betreffend.

Wenn die Kinder wieder aus der Klinik abgeholt werden, was haben sie für einen Eindruck von den Eltern, bekommen Sie die zu Gesicht?

Die Eltern sind manchmal für uns schwer zu erreichen, wenn die Kinder zu uns gebracht werden. Manche verweigern z.B. bei nächtlicher stationärer Aufnahme ihres Kindes ins Krankenhaus zu kommen. Manche Eltern sind betroffen und verwundert, viele bagatellisieren die Problematik. Die wenigsten Eltern realisieren, dass sie ihrer elterlichen Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind und für die Situation ihres Kindes mit verantwortlich sind.

Welches Beratungsangebot gibt es in der Klinik?

Unter den gegebenen Voraussetzungen ist es die Aufgabe der Kinderkliniken, die Kinder bezüglich der organischen Probleme, die mit einer Alkoholvergiftung einhergehen, zu behandeln. Wünschenswert wäre eine zeitnahe psychologische Betreuung der Familien, wie es z.B. das HaLT-Projekt vorsieht. Wir bemühen uns derzeit intensiv, dieses Projekt an allen Kölner Kinderkliniken umsetzen zu können. Dafür müssen allerdings zunächst die finanziellen Voraussetzungen geschaffen werden.

Herr Dr. Wiater, vielen Dank für das Interview.