Gesundheit

Hochsensible Kinder

Angelika Staub · 24.02.2017

zurück zur Übersicht
© iStockPhoto/M

© iStockPhoto/M

Hochsensible Kinder sind weder Heulsusen noch Angsthasen. Sie halten auch nicht weniger aus als andere Kinder. Ihr Nervensystem reagiert nur überaus empfindlich und spürt auch noch so kleine Reize, Stimulationen und Informationen auf.

Das Indianergeheul geht Betty mächtig auf die Nerven. Ihr kleiner Bruder Max spielt lautstark Winnetou. Später kurvt er mit blinkendem und sirenenheulendem Feuerwehrauto durch die ganze Wohnung. Betty kann den Krach kaum ertragen ...

In der Schule fällt Betty immer wieder aus der Reihe. Auf dem Klassenausflug wollen alle Geisterbahn oder Kettenkarussell fahren, nur Betty mal wieder nicht. Sie hat Angst. Im Kunstunterricht malen alle anderen Drittklässler ihre Erlebnisse vom vergangenen Wochenende in Shoppingmeilen, Schwimmbädern oder auf Geburtstagsfeiern. Bettys Blatt zieren lachende und weinende Tränen. Und wenn es laut und wuselig wird in der Klasse, kann sich Betty nicht mehr konzentrieren ...
Die anderen Mädchen tragen im Winter entspannt Rollkragenpullover, Betty muss darauf verzichten. Zu sehr kratzt sie der Stoff am Hals. Ganz unangenehm reizt sie der beißende Geruch von Reinigungsmitteln, besonders im Krankenhaus, wo sie ihre Oma besuchen will ..

Ein Kinderbuch klärt auf

Betty ist anders als ihre Freundinnen, häufig überreizt und zuweilen auch wütend. Auf den ersten Blick ist sie wahrlich kein umgängliches Kind. Lernt man Betty aber besser kennen, wird klar, dass sie eigentlich ein ganz feines, hochsensibles Mädchen ist - jedenfalls als Hauptfigur im aktuellen Kinderbuch von Stefanie Kirschbaum. Mit der fiktionalen Geschichte will die Diplom-Psychologin aus Neuss aufklären. „Hochsensible Kinder sind nicht per se unbequem, sondern sie haben besonders stark ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeiten. Sie sehen, hören, riechen und fühlen stärker und intensiver", sagt Kirschbaum. Die zweifache Mutter spricht aus eigener Erfahrung. Sie und eine ihrer Töchter sind hochsensibel, also besonders empfindsam. Damit bestätigen die beiden den Trend in der Forschung, wonach Hochsensibilität vererbbar ist.

Überreizt und überfordert

Kirschbaum hat früh beobachtet, dass ihr Kind besonders sensibel ist. Sie erinnert sich: „Schon als Neugeborene war meine Tochter sehr wachsam und neugierig." Alles, was sich um sie herum abspielte, habe sie mit großen Augen betrachtet. „Immer wieder fing sie aber plötzlich an zu schreien, so als ob ihr alles zu viel würde. Zum Beispiel beim Kontakt mit Wasser, mit Wärme, Kälte oder Geräuschen." Ähnlich wie bei der Kinderbuchfigur Betty, in der dann rasch ein schreckliches Wut-Gewitter aufzieht. Ein typisches Zeichen bei Kindern, dass sie überreizt oder überfordert sind, meint Kirschbaum. „Obgleich Wut erst einmal alle Beteiligten in Schwierigkeiten bringt. Sie fühlen sich hilflos. Denn: Wie kommt es, dass ein Kind - das wie Betty eigentlich vernünftig, sehr freundlich und eher ruhig ist - plötzlich einen so starken Wutausbruch hat?"

Weinendes Baby

Hochsensibilität kann sich schon bei Babys zeigen. © iStockPhoto.com/AzmanL

Wenn Menschen zu viel wahrnehmen

Hochsensible Kinder sind weder Heulsusen, Angsthasen, Weicheier noch Memmen oder Mimosen. Sie halten auch nicht weniger aus als andere Kinder. Die Lösung ist einfacher, noch dazu physiologisch erklärbar: Das Nervensystem hochsensibler Menschen reagiert überaus empfindlich und spürt auch noch so kleine Reize, Stimulationen und Informationen auf. Sogenannte hochsensible Personen, kurz HSP genannt, verfügen über deutlich mehr Neurotransmitter (Botenstoffe, die die Erregung von Nervenzellen an eine andere Zelle übermitteln) als gewöhnliche Menschen. Auch im Kino nehmen HSP unglaublich viel wahr: Während sich die anderen mitunter langweilen, sind die HSP von den quietschenden Reifen, der stickigen Luft, den schnellen Bildfolgen und der in der Nachbarschaft raschelnden Popcorntüte regelrecht überfordert. Darüber hinaus grübeln sie oft noch Tage danach über die erlebten Filmszenen. Nun könnte man das Ganze mit dem kölschen Spruch „Jede Jeck es anders" locker abhaken. Das geht aber leider nicht, da unterschiedliche Wahrnehmungen und verschobene Reizgrenzen immer wieder zu massiven Konflikten und gegenseitigem Unverständnis führen. Was also hilft? Aufklärung, Respekt und Toleranz.

Teil der Persönlichkeit oder Krankheit?

Für Kirschbaum ist Hochsensibilität ein „Persönlichkeitsmerkmal", andere Fachleute sprechen von einem „Phänomen", schlimmstenfalls sogar von einer „Krankheit". Wie auch immer man Hochsensibilität definiert, eines steht fest: Hochsensibilität bremst das gesellschaftliche Hamsterrad. Sie mag nicht wirklich in eine Zeit der Schnelllebigkeit und Reizüberflutung passen. Auch die Wissenschaft tut sich schwer. Bislang hat sie keine einheitliche Definition für Hochsensibilität gefunden und steckt noch in den Kinderschuhen. Überhaupt kam sie erst 1996 so richtig in Gang, als Elaine N. Aron ihr viel beachtetes Buch „The Highly Sensitive Person" (in Deutschland: „Sind Sie hochsensibel?") auf den Markt brachte. Ein paar Jahre später folgte ihr Elternratgeber „The Highly Sensitive Child" (in Deutschland: „Das hochsensible Kind"). Auch Fragebögen entwickelte die US-amerikanische Psychologin, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Etliche Tests anderer Autoren über hochsensible Verhaltensmuster folgten. Mittlerweile boomen sie im Internet. Aber Arons Forschungsarbeiten waren wegweisend. In einem Interview der Tageszeitung „Die Welt" aus dem Jahr 2015 erklärte die Pionierin: „Hochsensible nehmen ihre Umgebung in allen Aspekten intensiver wahr und denken darüber mehr nach." Deshalb tue ihnen ein positives Umfeld ungleich besser als anderen. Ein negatives Umfeld hingegen schade ihnen mehr als anderen.

Die richtige Unterstützung finden

Schätzungen zufolge weisen rund 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensible Persönlichkeitsmerkmale auf, Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männer gleichermaßen. Hochsensibel ist aber nicht gleich hochsensibel. Menschen können auch durch Traumatisierung besonders empfindsam reagieren. Sie haben diese Eigenschaft aber erst erworben und zeigen sie gewöhnlich nur dann, wenn ihr Nervensystem auf Reize trifft, die an das Schreckensereignis erinnern. Auch Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitdefizit-Hyperaktivitätsstörung) reagieren verwechselbar ähnlich. Die Ursachen jedoch unterscheiden sich voneinander und auch die Therapie. Würde man ein hochsensibles Kind auf ADHS therapieren und es mit Medikamenten dämpfen, so wäre ein Großteil seiner Persönlichkeit gelähmt: die sensible Wahrnehmung. Noch ist es schwer, Therapeuten, Ärzte und Psychologen zu finden, die sich tatsächlich mit hochsensiblen Kindern auskennen. Dazu brauchen die Fachleute selbst ein gewisses Maß an Sensibilität, darüber hinaus gute Menschenkenntnisse.

Hochsensible brauchen Rückzugsmöglichkeiten

Bettys Eltern haben mit der Zeit selbst erkannt, dass ihr Kind - trotz aller Schwierigkeiten - besonders liebenswert ist. Was Betty regelmäßig braucht, sind Rückzugsmöglichkeiten, um das Erlebte zu verarbeiten, und Unterstützung. Ihre Oma hat von Anfang an mit viel Verständnis auf Bettys Erlebniswelt reagiert und ihr geholfen, bei Bedarf auch unkonventionelle Lösungen zu entwickeln, um in der grellen und lauten Welt zu bestehen. Damit hat sie Bettys Kreativität wach geküsst. So gestaltet das Mädchen seinen Rollkragenpullover letztlich zu einem kuschelweichen Kleidungsstück um. Betty zeichnet, wie viele hochsensible Kinder auch, ein sehr hohes Maß an Kreativität aus, außerdem besonders viel Mut, Einfühlungsvermögen und Gerechtigkeitsempfinden. Kein Wunder, dass hochsensible Kinder prima Probleme lösen können, wie Kirschbaum erklärt: „Nicht selten sind sie diejenigen, die in Konflikten und Krisensituationen besonders ruhig und besonnen bleiben."
Kurzum: Hochsensible Menschen sind eine Bereicherung!

Infos über Hochsensibilität

Im Alltag

Hochsensible Kinder erleben die Welt greller und lauter.

Was schadet?

Ausdrücke wie „Angsthase“, „Du übertreibst“ oder „Sei doch nicht so empfindlich“. Sie verunsichern das Kind und stärken seine Selbstzweifel. Auch das Gegenteil schadet: Überbehütung.

Was hilft?

Mit Zeit und Ruhe die kindlichen Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen, bei Konflikten gemeinsam nach Lösungen suchen und reizarme Freiräume schaffen. Außerdem: Das Kind in seinem Selbstbewusstsein stärken und es so annehmen, wie es ist.

Bei Krankheit

Viele hochsensible Kinder ängstigen sich vor Berührung durch fremde Menschen, also auch vor ärztlichen Untersuchungen. Und: Sie reagieren empfindsamer auf Schmerzen und Medikamente.

Was schadet?

Hektik und Gewusel, da sich hochsensible Kinder schnell überrumpelt fühlen. Auch schadet unangepasste Medikamentendosierung.

Was hilft?

In Ruhe Kontakt aufbauen und das Kind an bevorstehende Untersuchungen oder Therapien heranführen. Hochsensible Kinder lassen sich durch Zuwendung wie auch Ansprache gut beruhigen und trösten. Sie suchen Vertrauen, keine besondere Aufmerksamkeit.

Buchtipp

Der Festland Verlag ist auf das Thema „Hochsensibilität" spezialisiert. Hier zwei Buchtipps:

Für Kinder und ihre Eltern:

Wie Betty das Wut-Gewitter bändigt
Stefanie Kirschbaum
Mit 50 farbigen Illustrationen von Anne Wöstheinrich
Festland Verlag Wien 2015
17,50 Euro

Aus der Feder einer gebürtigen Kölnerin für Eltern, Lehrer und andere Wegbegleiter von hochsensiblen Kindern:

Komm raus, ich seh dich!
Von Glück, Selbstwirksamkeit und Wachsen hochsensibler und hochbegabter Kinder
Britta Karres
Festland Verlag Wien 2016
21,50 Euro

Service

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V.
Daimlerstr. 5
44805 Bochum
Tel. 0171 – 349 01 57
info@hochsensibel.org

YOU! – Persönlichkeitscoaching
Die psychologische Beraterin Kristin Wirtz bietet in Köln und Erftstadt Workshops rund um das Thema Hochsensibilität, außerdem Coaching, Vorträge und Beratung.
Carl-Schurz-Str. 19 c
50374 Erftstadt
Tel. 0176–98960121
wirtz.kristin@gmail.com

Interessante Internetseiten

hochsensibel? (u.a. mit Ansprechpartnern vor Ort)
Internetseite des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V.

Mein hochsensibles Kind
kostenfreie Plattform zum Austausch von hochsensiblen Eltern (HSP) und Eltern hochsensibler Kinder (HSK)

Zart besaitet

Internetseite für Hochsensible Menschen HSP

Das Potential der Hochsensiblen
(Rubrik: hochsensibel)
Websites zum Thema Hochsensbilität

Festland Verlag Wien
Verlag mit dem Schwerpunkt Hochsensibilität

Kirschbaum Training & Beratung
Professionelles Coaching für Menschen und Unternehmen

Auf Twitter: #hochsensible Kinder, #hochsensibel, #HS, #hypersensibel, #hypersensibilität, #HSK