Familienleben

Wie begeistere ich Kinder für Musik?

Annika Eliane Krause · 05.02.2019

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© khamkhor / Pixabay

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Wir haben mit Diplom-Musikpädagogin Juliane Kein darüber gesprochen, wie wir Musik in unseren Familienalltag integrieren und Kinder beim Musizieren unterstützen können. Frau Kein unterrrichtet an Musikschulen Eltern-Kind-Gruppen, Musikalische Früherziehung und hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln.

KÄNGURU: Gibt es eine bestimmte Musikrichtung, die besonders gut für Kinder ist?

Juliane Kein: Mit Kindern kann man alles hören, was man möchte. Besonders die eigene Lieblingsmusik darf nicht ausgegrenzt werden, denn die Musik macht einem selbst Freude. Wenn Kinder sehen, dass die Eltern Spaß haben, entwickeln auch sie eine positive Verbindung zu der Musik. Mag man selbst härtere Musikrichtungen wie Techno oder Punk, ist es natürlich wichtig, darauf zu achten, wie das Kind die Musik aufnimmt und Rücksicht zu nehmen. Das Wichtigste ist, aufmerksam zu sein und Musik bewusst zu hören. Außerdem finde ich es wichtig, Kindern von Anfang an den Zugang zu einem großen Spektrum verschiedener Musik zu ermöglichen. Je mehr unterschiedliche Genres und Musik aus verschiedenen Kulturen sie kennenlernen, desto offenohriger und aufgeschlossener gehen sie durch ihr Leben. Denn das ist der Vorteil in jungen Jahren: Es gibt noch keine festgefahrenen Gewohnheiten und Schemata, die Fremdes ablehnen.

Wie integriere ich Musik in unseren Familienalltag?

Das Wichtigste ist, dass man seine eigenen Ansprüche runterschraubt. Viele Menschen meinen von sich selbst, dass sie nicht singen können und unmusikalisch seien. Erstens stimmt das meistens nicht, und zweitens spielt das beim gemeinsamen Musizieren in der Familie keine Rolle. Kinder lieben es, ihre Eltern singen und tanzen zu sehen – und dabei bewerten und urteilen sie nicht. Musikalische Rituale können den Tagesablauf strukturieren: Schlaflieder oder ein Lied, bevor man isst oder raus geht, sind kleine, bindende Elemente, die viel bedeuten können. Dabei geht es nicht darum, ein konkretes Lied perfekt nachzusingen – manchmal ist es sogar schöner, sich eigene Texte auszudenken und etwas Persönliches entstehen zu lassen. Und sollte einem nichts einfallen, reicht es auch, einfach zu summen. Hauptsache, das Kind hört den Klang der Stimme der Eltern und die Familie macht etwas gemeinsam.

Welche musikalische Früherziehung können Sie empfehlen?

In Eltern-Kind-Gruppen werden Schaukelspiele, Singrituale oder Kitzelspiele gezeigt, die zu Hause fortgeführt werden können. Es geht darum, die Verbindung in der Familie zu stärken und ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Ab einem Alter von vier Jahren können Kinder allein zu Gruppen der musikalischen Früherziehung kommen. Das Lernen ist dabei etwas, das nebenbei passiert – hauptsächlich geht es um Spaß beim gemeinsamen Singen, Tanzen und Musizieren.

Ab welchem Alter macht Musikunterricht Sinn?

Mit dem Erlernen eines bestimmten Instrumentes sollte bis zur Einschulung gewartet werden. Erst dann ist das Kind so weit, zu verstehen, was es bedeutet, still zu sitzen, sich zu konzentrieren und etwas zu lernen. Auch das Wissen, dass von links nach rechts gelesen wird und generell Lesen zu können, ist von Vorteil. Zudem ist eine gewisse Feinmotorik, Körpergröße und Kraft notwendig, um mit einem Instrument umgehen zu können. Werden diese Punkte berücksichtigt, fällt dem Kind das Erlernen des Instrumentes leichter, wodurch es schneller Erfolgserlebnisse erfährt und die Motivation gesteigert wird. Wenn ein Kind allerdings von sich aus mit vier oder fünf Jahren kontinuierlich darauf beharrt, ein Instrument zu lernen, kann man mit Lehrkräften sprechen, ob der Unterricht schon früher Sinn macht.

Wie finden wir heraus, welches das richtige Instrument ist?

An vielen Musikschulen gibt es Instrumenten-Karussells, wo verschiedene Instrumente in einem bestimmten Zeitraum ausprobiert werden können. Oft gibt es auch Probestunden und Probemonate, in welchen das Kind ausprobieren kann, ob das Instrument und der Unterricht Spaß machen. Allerdings ist zu beachten, dass besonders am Anfang auch das Verhältnis zum Lehrer oder der Lehrerin eine große Rolle spielt. Wenn das Kind also keinen Spaß am Musikunterricht findet, liegt es vielleicht nicht am Instrument, sondern daran, dass zwischenmenschlich kein richtiger Zugang gefunden wird und die Chemie nicht stimmt. Wenn man den Lehrer mag, lässt man sich auch gern etwas beibringen. Es ist wichtig, zu beobachten, wie sich das Kind mit dem Lehrer versteht – und auch einen Wechsel der Musikschule in Betracht zu ziehen.

Wie kann ich damit umgehen, wenn mein Kind keine Lust hat, zu üben oder zum Unterricht zu gehen?

Wichtig ist, herauszufinden, warum es nicht üben möchte. Ist es das Instrument, die Lehrkraft oder einfach die Situation oder das Alter, in dem das Kind steckt? Am besten sprechen die Eltern auch mit dem Lehrer darüber, wie dessen Einschätzung der Situation ist. Manchmal liegt Unlust auch einfach an äußeren Umständen – wenn die Hormone verrückt spielen oder das Kind viel Stress hat. Dann muss entschieden werden, ob es eine Phase ist, oder eine dauerhafte Abneigung. Sollte es eine dauerhafte Entscheidung sein, müssen die Eltern sie letztendlich akzeptieren.

Besonders in jungen Jahren ist es motivierend und unterstützend, wenn die Eltern beim Üben dabeisitzen und zuhören. Zudem sollten die Ansprüche nicht zu hoch sein – schon fünf bis zehn Minuten am Tag reichen, um mit Lernerfolg voranzukommen und damit sich die Fingermuskulatur die Stellungen merkt. Wichtig ist Kontinuität, dafür können Eltern auch kreativ werden und sich kleine Geschichten ausdenken, wie beispielsweise, dass das Kind den Kuscheltieren ein Konzert vorspielt.

Welche Fehler können Eltern vermeiden?

Zwang und Druck sind der falsche Ansatz und nicht mit meiner Vorstellung von Musik zu vereinbaren. Für mich ist Musik mit Freiheit verbunden, mit Spaß und Leichtigkeit. Wenn Kinder sich weigern, Musik zu machen, hat es einen Grund, den es zu verstehen und zu akzeptieren gilt.

Als Eltern sollte man darauf achten, Dauerberieselung zu vermeiden. Ständige Hintergrundmusik ist ein Geräusch, welches vom Kind nicht zugeordnet wird, aber eine gewisse Unruhe und Hektik schafft. Auch Spielzeug, das Musik macht, ist nicht zu empfehlen. Die Geräusche haben nichts mit Klangqualität und Musikästhetik zu tun, es ist schlicht Lärm. Komischerweise akzeptieren viele Eltern diese Art von Lärm, während natürlich entstehende Geräusche, wie beispielsweise das Klopfen mit einem Kochlöffel auf einen Topf, unterbunden wird. Vielleicht sollten wir in solchen Momenten das Verhalten unseres Kindes hinterfragen und uns bewusst machen, dass es offensichtlich den Klang dieser Art Trommel interessant findet. Diesen Ansatz können wir unterstützen und mit unserem Kind die natürlichen Geräusche unserer Umwelt erkunden. Dadurch können auch wir selbst wieder lernen, wirklich hinzuhören.

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