Familienleben

Spielzeug und Bücher für Kids of Colour

Tina Adomako · 11.06.2019

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Blick ins Kinderzimmer. Foto AdobeStock © Monkey Business

Blick ins Kinderzimmer. Foto AdobeStock © Monkey Business

Kinder müssen spielen, um die Welt um sich herum und sich selbst zu entdecken. Doch was ist, wenn sich ein Kind in seinen Spielsachen und Büchern nirgendwo wiederfindet?

Spielen ist für Kinder eine äußerst wichtige Beschäftigung - das haben Pädagogen und Kinderpsychologen in zahlreichen Studien schon lange klargestellt. Kinder spielen sich ins Leben. Sie müssen sogar spielen, um die Welt um sich herum und sich selbst zu entdecken. Spielend erforscht ein Kind seine Welt und verortet sich darin. Dabei hilft Spielzeug - Spielfiguren wie Puppen, Brett- und Kartenspiele unterschiedlicher Art sowie Gestalterisches wie Bastel- und Malspielzeug. Und eine ganz wichtige Rolle in der kindlichen Entwicklung spielen (Bilder)Bücher.

Doch was ist, wenn sich ein Kind in seinen Spielsachen und Büchern nirgendwo wiederfindet? Wenn die Puppe keinerlei Ähnlichkeit mit ihm selbst hat? Wenn die im Bilderbuch gezeigte Lebenswelt ganz und gar nicht die eigene Wirklichkeit widerspiegelt? Wenn schwarze oder muslimische Kinder einem Spielzeugangebot ausgesetzt sind, das eine rein weiße Welt vorgibt? Welche Auswirkung hat das auf die Entwicklung des Kindes?

Man muss lange suchen, um Kinderbücher zu finden, die die Diversität der Gesellschaft zeigen. Noch länger muss man suchen, um Spielzeug zu finden, das jedes Kind in seiner Wirklichkeit zeigt. „Wenn wir durch einen 500-seitigen Produktkatalog eines Spielwarenherstellers blättern, finden wir mit etwas Glück 3 Produkte, die Kinder anderer Hautfarbe berücksichtigen“ sagen Olaolu Fajembola und Tebbi Nimindé-Dundadengar, die vor kurzem einen Online-Shop mit Spielwaren für Kinder in einer diversen Gesellschaft gegründet haben.

Spielend die eigene Lebenswirklichkeit abbilden

Obwohl der demographische Wandel zeigt, dass heute gerade die Kindergeneration in Deutschland so divers ist wie keine zuvor (heute haben fast 40 % aller Kinder unter drei Jahren einen sog. Migrationshintergrund, in Großstädten wie Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg liegt ihr Anteil sogar bei nahezu 60 %), spielen unsere Kinder immer noch in einer weißen Welt. Was läuft denn schief? Ein Kind muss sich in der Gesellschaft und in seiner Welt so erleben, wie es ist. Doch wie soll ein schwarzes Kind alle Möglichkeiten für sich sehen, wenn es in seiner Spielwelt nur weiße Erfolge gibt? Die Bilder, die ein Kind sieht, haben einen Einfluss auf seine spätere Weltsicht. Kinder brauchen Identitätsfiguren – in ihren Büchern, in ihren Spielmaterialien.

Immer ist man anders

Tebalou-Olaolu-und-Tebbi-Foto-Peter-Mattukat
Tebalou Olaolu und Tebbi / Foto: Peter Mattukat

Vor 30 Jahren, als Olaolu und Tebbi noch selber Kinder waren, gab es deutlich weniger schwarze und andere nichtweiße Kinder in Deutschland. Für die Spielwarenindustrie stellten Kids of Colour damals vielleicht einen zu unbedeutenden Marktanteil dar, um auch für sie Produkte anzubieten. Das Spielwarenangebot richtete sich fast ausschließlich an weiße Kinder. Beide Frauen können sich noch gut an ihre eigene Kindheit erinnern. „Ich erinnere mich, wie ich in der Spielwarenabteilung im Kaufhaus vor proppenvollen Regalen mit Puppen stand, und wie es in der riesigen Auswahl oft nur eine einzige schwarze Babypuppe gab. Als Kind fragst du dich, warum die Puppen alle so aussehen, wie die anderen Kinder, aber nicht wie du,“ erinnert sich Olaolu. „Die Bücher meiner Kindheit haben nie meine Welt gezeigt. Es gab auch keine Heldinnen, die schwarz waren. Und bis heute hat sich nicht viel daran geändert,“ fügt Tebbi hinzu.

Und so spielten sie damals mit weißen Puppen mit glatten Haaren, sahen in Bilderbüchern keine Identitätsfiguren und hatten als Kinder stets das Gefühl „anders“ zu ein. Diese Erfahrung wollten sie ihren eigenen Kindern ersparen. Doch auf der Suche nach passendem Spielzeug für den eigenen Nachwuchs fanden sie so gut wie nichts. Dieses Manko war der Anstoß zur Gründung von tebalou.de.

Sichtbar werden

Doch es ist nicht einfach, Produkte für den Shop zu finden. „Neulich war ich in einer großen Thalia Buchhandlung – nicht in irgendeiner Kleinstadt, sondern mitten in Hamburg. Nicht ein einziges ausgestelltes Buch in der Kinderabteilung zeigte ein schwarzes Kind,“ erzählt Tebbi. „Das heißt nicht, dass es solche Bücher nicht gibt,“ fügt Olaolu hinzu. „Aber man muss explizit danach fragen. Sichtbar in der Auslage sind sie nicht.“

Für ein nichtweißes Kind, das vor der sichtbaren Auslage steht, ist die Message ziemlich klar: Du gehörst nicht dazu, du bist anders. Vielfalt findet kaum statt. Natürlich gibt es Bemühungen, das zu ändern. „Das Thema Vielfalt wird in Kinderbüchern häufig über Tiere behandelt," erklärt Olaolu. „Aber selbst da gibt es dann das Außenseiter-Tier, das ‚schwarze Schaf‘, das nicht so ist, wie die anderen. Dieses Tier muss sich dann beweisen. Es muss eine tolle Tat vollbringen, ein Problem lösen, um von den anderen Tieren anerkannt und akzeptiert zu werden. Klar, Kinder sollen durch solche Geschichten Toleranz lernen. Das ist ja erst mal positiv.“ Doch selbst in solchen vermeintlich positiven Geschichten schwingen unterschwellig negative Botschaften mit. „Die Botschaft lautet: Wenn du „anders“ bist, bist du das Problem. Also musst du dich besonders anstrengen, um dazuzugehören. Auf unsere Kinder übertragen heißt das: Du musst besonders gut sein in der Schule oder in Sport, dann wirst du akzeptiert,“ ergänzt Tebbi.

Sich nicht zugehörig fühlen

So verinnerlichen Kinder, die dieses Gefühl von Andersartigkeit vermittelt bekommen, dass sie ein Problem sind. Aus ihrem Psychologiestudium weiß Tebbi, welche langfristigen Folgen eine fortdauerende negative Einstellung zu sich selbst haben kann. Minderheiten sind jedoch nicht das Problem und kein Kind sollte lernen, sich als Problem zu sehen. In einem Einwanderungsland, in dem so viele unterschiedliche Menschen zusammenleben, ist es für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatal, wenn man Kindern solche Botschaften vermittelt. Vielmehr müssten Kinder sehr früh die Möglichkeit bekommen, Diversität als etwas völlig Natürliches und Positives zu erleben. Und dafür braucht es diverses Spielzeug.

Das Sortiment von tebalou.de umfasst Spielzeug wie Puppen und Spielfiguren, Bastel- und Malmaterialien und sehr viele Bücher. Vieles beziehen die Geschäftspartnerinnen aus dem Ausland. Aus Spanien, der Puppenherstellerhochburg Europas, kommen beispielsweise die Puppen, aus Großbritannien ein Großteil der englischsprachigen Bücher. Das handverlesene Angebot von tebalou.de wird fortlaufend ergänzt, sobald die Geschäftspartnerinnen auf neue Produkte stoßen, die zum Shop-Gedanken passen. „Eltern sind oft so dankbar, endlich ein Buch zu finden, in dem ihr Kind ein ähnliches Kind sieht, und auch von Erzieher*innen bekommen wir positiven Feedback“, erzählt Tebbi. „Hautfarbenmalstifte zum Beispiel haben viele Erzieher*innen noch nie vorher gesehen.“ Deshalb richtet sich das Angebot auch an Institution wie Schulen und Kitas.

Vielfalt muss sich auch in Spielsachen wiederspiegeln

Dabei geht es den Frauen aber nicht nur darum, passende Produkte für Kids of Color anzubieten, sondern das Angebot für alle Kinder zu erweitern. „Wir leben ja alle zusammen in diesem Land. Wir finden, diese Vielfalt muss sich in Spielsachen für alle Kinder widerspiegeln. Es geht nicht darum, dass schwarze Kinder jetzt nur noch Bücher lesen, in denen schwarze Helden oder Heldinnen vorkommen, oder nur mit schwarzen Puppen spielen, sondern darum, dass alle Kinder die Chance haben, Diversität im Spiel zu erleben.“ Die Spielwaren seien daher auch explizit für Kinder gedacht, die in den üblichen Büchern und Spielwaren jederzeit abgebildet sind. Über Ausgrenzung, Rassismus oder Diskriminierung müssten sich diese Kinder keine Gedanken machen. Auch hätten sie selten die Möglichkeit, Kinder of Color bzw. Menschen mit anderen kulturellen oder ethnischen Hintergründen als agierende, positive Mitglieder ihrer Gesellschaft zu erfahren oder wahrzunehmen. Gerade aufgrund solcher Auslassungen würden oft unbewusst Rassismen und Diskriminierungen reproduziert.

Klingt plausibel für uns - und wir wünschen den beiden Gründerinnen viel Erfolg!

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