Familienleben

Pubertät meets Menopause

Claudia Berlinger · 12.06.2019

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© iStockphoto MStudio Images

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Wenn die Pubertät auf die Wechseljahre trifft, ist das eine nervenaufreibende bis explosive Mischung.

„Ein Besuch bei meiner Friseurin brachte es ans Licht. Du bist aber hinten schon ganz schön grau, sagte sie und auf meinen ungläubigen Blick hin brachte sie mir einen Spiegel. Ich erkannte das ganze Ausmaß der Misere.“ Melanie lacht verschmitzt, denn sie hat nach einem Jahr inneren Ringens das Unausweichliche akzeptiert. „Rückblickend gab es schon länger Indizien für meine beginnende Menopause, aber ich fühlte mich noch so jung. Meine Nachtschweißattacken schob ich auf den Stress im Büro. Ich war in letzter Zeit dermaßen fahrig und unkonzentriert, dass es deswegen schon Probleme gab. Insgeheim hegte ich auch noch eine vage Hoffnung auf weitere Kinder. Ich muss bei dem ganzen Stress als Mutter einer heranwachsenden Tochter einfach vergessen haben, mit welch großen Schritten die Zeit voranschreitet.“

So wie Melanie geht es vielen Müttern in Deutschland. Erst kommen Studium und Karriere, dann will die Welt bereist werden und zu guter Letzt, sozusagen als Sahnehäubchen, kommen die Kinder. Die Reihenfolge ist nicht schlecht: Eine reife Mutter ist oft ruhiger und bindungsfähiger; sie hat mehr erlebt und vieles erreicht und bekommt ein Kind, weil sie sich bewusst dafür entschieden hat. Sie braucht nicht mehr jedes Wochenende Partys und kann sich voll auf ihre Auf-gaben als Mutter einlassen. Andererseits hat es natürlich auch Nachteile, wenn Frauen mit Mitte oder Ende dreißig Kinder kriegen. Unter Umständen sind Spätgebärende nicht so belastbar und spontan wie junge Mütter, fühlen sich dem Chaos der Jugend möglicherweise nicht mehr im gleichen Maße gewachsen wie ihre jüngeren Pendants und das dicke Ende kommt, wenn in den Vierzigern die Flegeljahre der Sprösslinge auf Hitzewallungen, Gemütsschwankungen und Gefühlschaos treffen.

Hormone steuern unser Wohlbefinden

Das eigene Leben geht in den Spätsommer über, parallel dazu läuft beim Nachwuchs das Programm Frühlingserwachen. Das Kind steht am Anfang aller Möglichkeiten, während es für die Verwirklichung der ein oder anderen Sehnsucht der Mütter inzwischen zu spät ist. Mütter und Kinder stecken in derselben Hormon-Krise. Schwankende Östrogen- und Progesteronspiegel sind Treibstoff für erhöhte Stressempfindlichkeit. Das ist in der Pubertät und den Wechseljahren gleichermaßen der Fall. Während in der Pubertät das Östrogen steigt, sinkt es in der Menopause. Das steigende männliche Geschlechtshormon Testosteron macht Mütter angriffslustiger und launischer. Oxytocin, das „Beziehungs- und Fürsorgehormon“, verantwortlich für stundenlange Telefonate mit der besten Freundin in der Pubertät, nimmt in den Wechseljahren ab. Das erklärt die ungewohnte Streitlust und macht Frauen scheidungsfreudiger.

12 Tipps, wie du gut durch die Wechseljahre kommst

„Es hat schon etwas Explosives, wenn deine Tochter mit einem Gesicht voller Pickel vor dem Spiegel in Tränen ausbricht und du stehst daneben und schwimmst im eigenen Saft, weil du besonders in stressigen Situationen mit heftigen Hitzewallungen reagierst.“ Melanies Reaktion ist nicht unüblich, auch wenn jede Frau sehr individuell auf die Hormonumstellung reagiert. Ellen Cornely-Peeters, die seit zehn Jahren als Wechseljahre-Beraterin in eigener Praxis tätig ist, vermittelt in Seminaren und Einzelgesprächen das Fachwissen, um die Wogen der Symptome auch im Rahmen der Hormonselbsthil-fe zu begleiten. „Ich fi nde es wichtig, mit Achtsamkeit auf die Weckrufe des Gesamtsystems Körper und Psyche zu lauschen,“ erklärt sie. „Sind es bestimmte Themen oder vielleicht Räumlichkeiten, die mein Herzrasen triggern? Welche (Traum-)Bilder begleiten meine nächtlichen Wachstunden? Die Menopause an sich ist keine Krankheit, aber eine Zeit der Wandlung, die Frauen herausfordert, sich neu zu entdecken. Natürlich verursacht die verminderte Leistungsfähigkeit, die viele Frauen er-leben, ein Empfinden von Kränklichkeit. Und tatsächlich können ignorierte Symptome in Krankheit führen. Wenn die innere Balance nicht ausgeglichen wird, können unter Umständen altersbedingte Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes nach dem Wechsel verstärkt auftreten.“

Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt

Sowohl Frauen in den Wechseljahren als auch Pubertierende verstehen sich oft selbst nicht mehr und leiden unter ihren Ansprüchen an sich selbst. Es ist eine Zeit des Fragens nach dem eigenen Weg. Verunsicherung ist an der Tagesordnung. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo will ich hin? Rollen und Vorstellungen werden hinterfragt.
Auch Melanie hat es schwer erwischt: „Manchmal, wenn meine Tochter sich für einen Abend mit ihren Freundinnen hübsch macht, bin ich ein bisschen neidisch auf ihre Unbekümmertheit und ihren Drang, sich ins Leben zu stürzen. Aber die neue Lebensphase bringt auch Vorteile mit sich, die Erleichterung, auf Verhütungsmittel verzichten zu können und von der Monatsblutung befreit zu sein, zum Beispiel.“ Es ist ein großer Einschnitt im Leben einer Frau, keine Kinder mehr bekommen zu können. Frauen in der Menopause befürchten oft, dick zu werden und ihre Attraktivität zu verlieren, das Haar ergraut, die einst straffe Haut zeigt erste Alterserscheinungen und während Mama ob der gesellschaftlichen Rolle der alternden Frau plötzlich Heulattacken kriegt, zieht der Teenager sich von der mütterlichen Fürsorge zunehmend zurück und stellt die eigene erotische Ausstrahlung tatkräftig unter Beweis. Die Zeit der Eltern als wichtigste Bezugspersonen ist passé – und die Ära uneingeschränkter Liebe, Bewunderung, Freundlichkeit, Spaß und gemeinsam verbrachter Freizeit ebenso. „Viele Frauen merken erst in der Menopause, dass sie immer am Limit waren“, erklärt Cornely-Peeters. „In ihrem Bestreben, zu funktionieren, konnten oder wollten sie es sich nicht leisten, auf sich selbst zu schauen. Diese Frauen trifft der Wechsel mitunter heftiger: Sie sind dünnhäutig, schlaflos und total erschöpft.“ Und dann kommt die Pubertät des Kindes dazu. Zwei Abschiede müssen gleichzeitig verarbeitet werden. Es geschieht schlicht parallel. Blödes Timing.

Bücher, die dir durch die Wechseljahre helfen

Frauen, die mit sich im Reinen sind, kommen besser durch diese Zeit

Die Kinder brauchen uns nicht mehr in der altbekannten Form. Pubertierende sind dennoch dann und wann dankbar für eine erfahrene, kluge Ratgeberin an ihrer Seite. Also warum nicht eine weise Mutterrolle übernehmen? In jedem Falle ist es ratsam, sich frühzeitig ein nährendes Umfeld aufzubauen, das durch die Wechseljahre trägt und die Beschwerden in den Hintergrund rücken lässt, um den Rückzug des Kindes aus dem Familienleben ins pubertäre Schneckenhaus zu überstehen. „Pubertierende suchen nach innerem Halt durch Ablösung vom Elternhaus. Das erfordert Gelassenheit von den Eltern. Es ist wichtig, dass die Mütter den Kontakt halten, sich aktiv um Kommunikation bemühen und auch mal fünf gerade sein lassen“, so Cornely-Peeters.
Die zurückgezogene, sanfte Mutter könnte im Fitness-Studio trainieren und sich ein Hobby zulegen, um ihrer Traurigkeit zu begegnen. Eine agile, dem Leben zugewandte Mutter muss der erwachenden Sexualität ihres Kindes nicht wie Madonna oder Demi Moore begegnen und ihren Teenager in die Disco begleiten, um ihre Attraktivität zu erhalten.

Menopause mit Teenager
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Bin ich in den Wechseljahren?

Zwischen 40 und 45 Jahren zeigen sich bei den meisten Frauen erste Symptome und Anzeichen der Wechseljahre. Die Umstellung von der fruchtbaren zur nicht fruchtbaren Lebensphase dauert im Schnitt rund zehn Jahre. Meist sind die ersten Anzeichen unspezifisch. Aufschluss geben mehrere Blutbilder. Alternativ könnt ihr euch bei einer Wechseljahre-Beraterin informieren.

  • Erste Anzeichen sind Zyklusunregelmäßigkeiten durch Schwankungen des Östrogenhaushalts. Die Menopause ist erst vollzogen, wenn die Monatsblutung ein Jahr lang ausgeblieben ist.
  • Hitzewallungen treten zu Beginn der Wechseljahre am stärksten auf, danach nehmen sie langsam ab. Im Schnitt dauert eine Hitzewallung drei Minuten. Schweißausbrüche können bis zu klatschnassen Haaren und durchnässter Wäsche reichen.
  • Besonders unangenehm: Nachtschweißattacken mit anschließendem Frösteln, die ein Weiterschlafen unmöglich machen. Wiederholt auftretende Schlafunterbrechungen können zu Erschöpfung, Tagesmüdigkeit bis hin zu Depressionen führen. Sorgt für Ausgleich durch zusätzliche Ruhephasen und trinkt starken Salbeitee.
  • Langanhaltende Spannung in der Brust wie zu Beginn der Menstruation. Hier können freiverkäufliche Medikamente helfen.
  • Stimmungsschwankungen wie Antriebsarmut gefolgt von Nervosität und innerer Unruhe werden oft auf Stress zurückgeführt, sind aber auch Begleiterscheinungen des Klimakteriums. Yoga und Atemübungen können euch ins Gleichgewicht bringen.
  • Leidet ihr unter hormoneller Migräne, können die Attacken zu Beginn der Menopause häufiger auftreten. Das Gute: Für viele Frauen sind sie ein Abschiedsgruß, denn nach der hormonellen Umstellung verabschieden sie sich auf Nimmerwiedersehen.
  • Wechseljahresbedingtes Herzrasen ist beunruhigend, aber absolut ungefährlich. Nehmt euch einen Moment Zeit, zählt von 10 rückwärts, während ihr euch die Hand beruhigend aufs Herz legt. Falls nötig, wiederholt die Übung.
  • Gewichtszunahme ist das Ergebnis des veränderten Stoffwechsels. Denn der braucht nun weniger Energiezufuhr und speichert Kalorien für schlechte Zeiten.

Info

Ellen Cornely-Peeters, Wechseljahre-Beraterin und Fachschwester für Anästhesie- und Intensivmedizin, begleitet seit 10 Jahren in ihrer Praxis für ganzheitliche Frauengesundheit Frauen zwischen Ende 30 und 60 Jahren durch die Zeit des Wandels.

www.frau-im-wechsel.de: Plattform mit Angeboten für Frauen in der Lebensmitte. Neben Workshops und Einzelberatung bietet der Verein auch Wohnzimmergespräche an, die ihr ähnlich einer Tupperparty buchen könnt. Hier findet ihr auch angeschlossene Wechseljahre-Beraterinnen.

www.erzbistum-koeln.de: „Pubertät - Bitte wenden! Die Route wird neu berechnet.“ Im Oktober 2019 findet ein Wochenendseminar zu diesem heißen Thema statt, das vom Erzbistum Köln durchgeführt wird.

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