Familienleben

Durch die rosa-hellblaue Brille

Rebecca Ramlow · 09.09.2019

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Almut Schnerring und Sascha Verlan bei einem ihrer Vorträge. Foto: Tina Umlauf

Almut Schnerring und Sascha Verlan bei einem ihrer Vorträge. Foto: Tina Umlauf

Habt ihr euch auch schon mal NICHT gefreut, als eure Mütter oder Schwiegermütter automatisch ein quietschpinkes Kleidchen kauften, da das Kind ja schließlich ein Mädchen sei? Oder das hellblaue Polohemd mit den lästigen Autos darauf besorgte, weil Jungs so etwas haben müssten? Dann solltet ihr unbedingt diesen Text lesen, um zu erfahren, wie man der rosa-hellblauen Falle bei Kindern entkommen kann.

Angeblich wird unsere Gesellschaft offener. Schließlich hat Deutschland den – wenn auch steinigen - Weg vom dritten Reich zum dritten Geschlecht geschafft. Aber die Lieblingsfarbe bei den Geschlechtern bleibt gleich und muss noch immer strikt getrennt werden. Muss oder kann? Oder kann das auch weg?

Auf rosa-hellblauen Spuren und Wolken

Wer hat das eigentlich erfunden mit diesem rosafarbenen Wahnsinn bei Mädchen und dem hellblauen Entdeckertum bei Jungen? Zu beobachten ist es immer wieder: Pärchen, die das Zimmer ihres Ungeborenen erst wie verrückt in grellen rosa-Tönen streichen, so dass einem beinahe schwindelig wird ob der Farbe, und die dann plötzlich alles neu kaufen und blau einfärben, weil das Geschlecht nun doch ein anderes ist. Der Arzt hatte aus Versehen ein klitzekleines Stück übersehen. Mütter und Schwiegermütter, die reihenweise rosafarbene Ballettkleidchen vom Ständer reißen, schließlich ist das Enkelkind ja ein Mädchen. Warum soll dieses Kind ausgerechnet dieses Kleid mögen? Ich würde es auch nicht unbedingt anziehen, und ich dachte immer, ich sei ein Mädchen. Früher war es sogar umgekehrt, wie Journalist und Farbensprenger Sascha Verlan erklärt. „Im Mittelalter etwa trug der Mann rot, weil das die Farbe der Macht war, und der Mann die Autorität hatte. Im Vatikan schmücken sich Männer deshalb auch heute noch mit lila Roben, während die Frau mit der blauen Himmelsgöttin assoziiert wurde.“ Ob das jetzt besser ist oder war, sei dahingestellt. Erst durch die Industrialisierung hat es sich ins Gegenteil verkehrt. Seither trägt der Mann lässige Bluejeans, und Männlichsein wird mit blau und Freiheit verknüpft.

Das getrennte Ü-Ei

In Deutschland ist die Geschlechterwerbemaschinerie 2006 in die Gänge gekommen. Seither regnet es sexistische Bohrmaschinen für die ach-so-ungeschickte Frau, Beauty-Produkte nur für die Frau und spezielle Spielzeug-Produkte für Jungen und Mädchen. Es geht dabei um mehr als nur um das Thema „rosa-hellblau“, es geht dabei um Unterstellungen. So wird Jungen nicht nur die Farbe blau und das Motiv Auto aufgezwungen. Es muss auch das Polizeiauto und selbstverständlich der Pirat sein, weil Jungen ja angeblich so abenteuerlustig, wild und freiheitsliebend sind. Sieben Klischees in nur einem Satz oder in zwei Produkten. Und was heißt das im Umkehrschluss? Dass Mädchen verkitscht, verträumt, romantisch und oben drauf noch dumm sind? Spätestens als das Ü-Ei sexistisch wurde, indem es ganz unüberraschend ein rosafarbenes für Mädchen entwarf, platzten dem Familienvater Sascha Verlan und seiner Partnerin Almut Schnerring die (Farben-)krägen. Seither sprengen sie beruflich und privat auf humorvolle Weise die „rosa-hellblaue Falle“, wie sie sie bezeichnen. „Das hat mich massiv gestört. Diese ganzen Stereotypen, von denen man überflutet wird“, so Verlan. Hinzu kam, dass ihr Sohn es tatsächlich wagte, im Kleid seiner Schwester in die Kita zu gehen, weil er es schön fand. „Wenn man Nachwuchs bekommt, gibt es kein Drumherumgeiere mehr. Dann stellt man sich die Frage: Darf und kann mein Kind draußen wirklich so sein, wie es sein möchte? Oder muss man etwas ändern?“

Sascha Verlan
Warum dürfen Männer keine rosa Schlafanzüge tragen? fragt Sascha Verlan. Er ist Journalist, Autor, Familienvater und Klischeefarbensprenger. Foto: Rebecca Ramlow

Pink stinks auch in Germany

Bei dem Autorenteam aus Bonn fliegen deshalb weniger rosa oder hellblaue Klamotten in der Wohnung herum. Es sei denn, es handelt sich dabei um ironische Anti-Geschlechts-Marketing-Produkte. Im Prinzip sind sie so etwas wie die deutschen „Pink-Stinkers“. Revolutionäre auf dem geschlechtstechnischen Farbfeld. So haben sie auch ein Buch zum Thema mit dem Titel „Die Rosa-Hellblau-Falle: Für eine Kindheit ohne Rollenklischees“ verfasst, das 2014 herauskam, um sich ihren Frust von der Seele zu schreiben. Ferner geben sie Vorträge und Workshops zum absurden Gendermarketing. Da sie nicht viele Freunde fanden, die ihnen zustimmten, haben sie aus der Not heraus einen Blog rund um die #RosaHellblauFalle mit einer Community gegründet. Bei der Überschreitung des Farbenregisters ecken sie nicht selten an: So regnet es oft Hass in den sozialen Netzwerken. Vor allem Frauen werden dabei beschimpft, berichtet Verlan.

Rette mich aus der Falle

Aber was kann man denn konkret tun, um nicht in die Farbfalle zu tappen? Verbote helfen nicht, finden Schnerring und Verlan. Das führe nur zu Trotzreaktionen. „Wenn man sagt, bitte bitte nicht das rosa Barbiekleid, zieht das Kind es aus Protest an. Freiheit ist hingegen sehr wichtig. Und: Bei sich selber anzufangen. Sich zu fragen: Bin ich wirklich so tolerant, wie ich denke? Wenn einen etwas stört, sollte man es tatsächlich ändern. Der Schlüssel ist, sich der immensen Prägung durch die Werbung und die Gesellschaft bewusst zu werden und diese zu hinterfragen“, so Verlan.

Erweitere deinen Geschlechtshorizont

Wichtig ist aber auch, die Perspektive zu wechseln, in andere Rollen zu schlüpfen, um den geschlechtertechnischen Horizont zu erweitern. In einigen Workshops experimentieren die Farbensprenger deshalb auch mit dem Tausch von Geschlechterrollen. Die Teilnehmer werden dabei vor die Aufgabe gestellt: Stellt euch vor, ihr wärt keine Frau oder kein Mann, sondern das gegenteilige Geschlecht. Wie würdet ihr euch dabei fühlen? Was wären dann eure Themen und Ängste? Auch haben sie einen Verein zur Förderung von Wahlfreiheit jenseits von Rollenklischees gegründet: klischeesc e.V. Für Menschen, die ebenfalls die hellblau-rosa Falle satt haben und für Anti-Geschlechts-Marketing-Themen kämpfen möchten, gibt es demnächst ein offenes Treffen in Bonn. Daneben findet am 29. Februar nächsten Jahres der Equal Care Day statt, der sich dafür einsetzt, dass die Sorge für die Kinder gerechter verteilt wird.

Nutzt euer Recht und füllt es mit Leben

Mein Sohn mag noch immer keine Autos. Stattdessen schreit er „die sind dreckig und stinken!“ Auch präferiert er nach wie vor glitzernde Einhörner vor lärmenden Polizeiautos – sehr zur Freude seiner Mutter. Dennoch muss man auch das akzeptieren. Sascha Verlan hat es auf den Punkt gebracht: „Vom Gesetz her ist Deutschland recht weit vorn. Die Gesellschaft muss diese Theorie jedoch mit mehr Leben füllen, so dass es eines Tages selbstverständlich ist, dass auch Jungen Altenpfleger werden möchten oder Erzieher. Ohne, dass es heißt: Die sind doch pädophil.“

P.S.: Ich habe Sascha Verlan häufiger zitiert als seine Partnerin, da diese an diesem Tag keine Zeit hatte. Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Sie hat gearbeitet.