Familienleben

Aufräumen mit Kindern

Stefanie Groß · 17.11.2016

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Chaos im Kinderzimmer und die Krise ist vorprogrammiert. © Foto: Pexels

Chaos im Kinderzimmer und die Krise ist vorprogrammiert. © Foto: Pexels

Es ist wohl eines der leidigsten Familien-Themen überhaupt, sorgt regelmäßig für Gezanke, Stress und Augenrollen und nervt Eltern und Kinder gleichermaßen: Aufräumen. Im Kinderzimmer.

Hier kollidieren in feinster Weise Erwachsenen- und Kindermaßstäbe, was Ordnung und Unordnung angeht und das heimische Kinderzimmer wird schnell zur Gefahrenzone. Dabei gelingt es ganz einfach, Kindern Ordnung zur Gewohnheit werden zu lassen. Wir haben die wichtigsten Regeln zusammengestellt.

Vorbild Eltern

Ein entscheidender Punkt ist, dass Kinder durch Nachahmung lernen, indem sie die Eltern kopieren. „Was den Kindern vorgelebt wird, prägt sie“, erklärt Psychologe Dr. Markus Schaer gegenüber der Süddeutschen. Eltern sollten neben Werten und Umgangsformen auch ein konstruktives Aufräumverhalten vorleben. Das sollte möglichst unangestrengt und vor allem selbstverständlich geschehen. Wenn das Kind sieht, dass Einkäufe direkt verstaut und Sachen nach Gebrauch wieder weggepackt werden, wird es diese Verhaltensmuster automatisch übernehmen. Wird das Aufräumen von den Eltern stets mit Augenrollen und Gemecker getätigt, nehmen Kinder es automatisch als lästige Aufgabe war. Auf keinen Fall sollte Kindern der Eindruck vermittelt werden, dass Aufräumen und Ordnung halten eine lästige Pflichtaufgabe ist. Stattdessen sollten sie lernen und erkennen, dass Ordnung halten das Spielen und Leben erleichtert und lästiges Suchen vermeidet. Eltern sollten für einen besseren Lerneffekt formulieren, was sie gerade machen: „Die Bücher kommen alle ins Regal und werden nach Größe sortiert“ oder „Benutztes Geschirr kommt in die Spülmaschine“.

Mit Kinderaugen sehen

Das Kinderzimmer ist geflutet von Hunderten von Bauklötzchen, das Kind erklärt freudestrahlend, es baue gerade eine eigene Stadt auf und die Eltern kriegen die Krise. Oft sind Eltern beim Anblick des scheinbaren Chaos kurz vorm Platzen. Hier hilft tiefes Durchatmen – und der Tipp, sich in sein Kind hinein zu versetzen. Mit Kinderaugen betrachtet, wird der Berg Bauklötzchen zur tollen Ritterburg, der Kissen- und Deckenhaufen entpuppt sich als fliegender Teppich und die Sandberge auf eben jenem sind leckere kleine Kuchen aus der Kinderzimmer-Bäckerei. Eltern vermeiden so, voreilig los zu schimpfen und das Kind damit in seiner kreativen Entwicklung zu bremsen. Außerdem verbessern sie so die Kommunikation und Interaktion mit ihm.

Kinderzimmer = Kinder-Zimmer

Eine Sache, die gerne vergessen wird und eklatant wichtig ist: Das Kinderzimmer ist ein Zimmer für Kinder, hier müssen andere Maßstäbe gelten als im Rest des Hauses. Für die Entwicklung eines Kindes ist es wichtig, sich kreativ betätigen und austoben zu können. Eltern sollten keine überzogenen Ordnungs-Standards vom Kind fordern, oftmals ist ihnen nicht klar, dass Kinder erst begreifen und lernen müssen, wie Ordnung funktioniert. Sie nehmen den turmhohen Berg von Bauklötzchen im Zimmer nicht als Chaos wahr, sondern als spannende Ritterburg und der chaotische Deckenhaufen ist in der kindlichen Vorstellung eine spannende Abenteuerhöhle. Wichtig ist das gemeinsame Üben mit den Eltern, um feste Aufräum-Rituale zu entwickeln, die dann zur Selbstverständlichkeit werden. Kernthese aller Familienratgeber ist, dass es nicht darum geht, dass das Kinderzimmer perfekt aufgeräumt ist, sondern der Familien-Alltag möglichst gut und reibungslos funktioniert. Dieser Rat sollte unbedingt beherzigt werden. Auch den Kindern wird schnell klar werden, dass effizientes Aufräumen den entscheidenden Vorteil bietet, am nächsten Tag nicht lange suchen zu müssen.

Kindern nicht hinterher räumen

Ute Glaser empfiehlt in Die Eltern-Trickkiste, Kindern nicht hinterher zu räumen. Einfach selbst schnell aufräumen, damit man nicht schon wieder endlos lange mit dem Kind diskutieren muss, ist kontraproduktiv. Stattdessen sollte von Klein auf ein Aufräum-System eingeführt werden, dass das Kind später übernehmen und anwenden kann. Es lernt, selbst für sein Spielzeug und Zimmer verantwortlich zu sein und das Ordnung schaffen nach dem Spielen wird zur Selbstverständlichkeit, die nicht erst mühsam eingefordert werden muss. Gleichzeitig werden die Kinder früh zur Selbstständigkeit erzogen, die sie auch außerhalb des Kinderzimmers beherrschen müssen.

Aufräumen ohne Zwang

„Aufräumen macht dann Spaß, wenn es ohne Druck und Erwartung passiert.“ Fräulein Ordnung Denise Colquhoun spricht in „Aufräumen mit Fräulein Ordnung“ aus, was bei der Erziehung unbedingt beherzigt werden sollte. Aufräumen und Ordnung sollten den Kindern auf keinen Fall durch Druck und Gemecker vermittelt werden. So würde beides schnell zu nervigen Pflichtaufgaben, die mit Stress und Widerwillen verbunden sind. Verfolgen Eltern stattdessen einen spielerischen Ansatz, sind Kinder mit Spaß und Freude dabei. Colquhoun empfiehlt, eine Aufräum-Routine ohne viel Druck zu schaffen, und Kinder dazu möglichst früh anzuleiten. Eine Musik-CD oder ein Hörspiel beflügelt Kinder beim Aufräumen ebenso wie das Singen von Aufräumliedern, die sie schon aus dem Kindergarten gewohnt sind. So wird das Einräumen nach dem Spielen entspannt eingeleitet, bekommt einen festen Platz im Tages- oder Wochenablauf und wird schnell zur spaßigen Routine. Natürlich kann das klar Schiff machen auch als Spiel oder Wettbewerb gestaltet werden. Wer ist schneller fertig, das Kind im Kinderzimmer oder die Mutter mit dem Abspülen? Wer kann schneller die Unordnung im Kinderzimmer auseinander puzzeln und in die richtigen Schubladen und Fächer packen? Aufräumspiele sorgen schnell für Ordnung - spielerisch und fast nebenbei.

Ausnahme Kunstwerk

Eltern sollten beachten, dass sie im Kinderzimmer bei aller Liebe zum Aufräumen auch ein paar Ausnahmen genehmigen. Dies betrifft die großangelegten künstlerischen Werke aus dem Kinderzimmer, selbst wenn die Ritterburg den halben Teppich einnimmt. Das kreative Ausprobieren ist für die Entwicklung des Kindes immens wichtig. Die Arbeit eines ganzen Bastel-Tages abends zu zerstören, ist kontraproduktiv. Für kleinere Kunstwerke sollten feste Flächen wie Fensterbänke oder ein Regalfach genutzt werden, so können sie angemessen präsentiert und einige Zeit stehengelassen werden.

Konkrete Aufräum-Aufträge formulieren

Kindern fehlt noch die Erfahrung beim Sortieren, Ordnen, Auf- und Wegräumen. Je nach Alter kann die Anweisung, das Kinderzimmer komplett aufzuräumen, schnell zur unmöglichen Aufgabe werden und überfordern. Besser ist es, wenn Eltern klare Arbeitsaufträge formulieren und präzisieren, was wohin gehört. Es hilft Kindern, wenn sie wissen, wo sie mit dem Ordnung schaffen beginnen sollen. Glaser empfiehlt das Aufräumen in kleinen Portionen, dabei muss jedoch das Alter des Kindes beachtet werden. „Je kleiner das Kind, desto kleiner die Portion“. Mit dieser Methode kann bereits sehr kleinen Kindern spielerisch das Prinzip Ordnung halten vermittelt werden: es lernt, dass Bauklötze in die bunte Kiste kommen, Bücher im Regal zu Hause sind und alle Puppen im Puppenwagen schlafen. Klare Aufräum-Aufträge garantieren Kindern ein schnelles Erfolgserlebnis. So ist auch gewährleistet, dass die Aufgaben in einer konkreten Zeitspanne erledigt werden können und das Kind nicht den ganzen Nachmittag daran sitzt. Positive Verstärkung und Lob sollten selbst bei kleinen Aufträgen nicht vergessen werden, denn das ist stolz auf das, was es schon allein weg geschafft hat und ist so gleichzeitig motiviert für das nächst Mal.

Kinder beim Aufräumen unterstützen

Das gemeinsame Aufräumen bietet entscheidende Vorteile für beide Seiten: das Kind kann sich Aufräumtechniken bei den Eltern abschauen und diese können gleichzeitig mal wieder staubputzen und ausmisten – natürlich nicht ohne vorherige Absprache mit dem Kind. Glaser gibt den Tipp, dies durchaus mit einem Handel zu verbinden: Elterliche Hilfe im Kinderzimmer wird angeboten, wenn das Kind im Gegenzug den Tisch deckt. Eltern sollten auch ihre Hilfe anbieten, dies kann eine gute Motivation für Kinder sein.

Belohnungen – ja oder nein?

Kinder sollten verinnerlichen, dass sie für sich selbst aufräumen, und nicht in erster Linie für Mama und Papa. Es ist aber trotzdem erlaubt, Kinder in Maßen damit zu belohnen, dass beispielsweise eine Geschichte vorgelesen wird oder sie sich nach einem Ausmisten einen Kinobesuch verdient haben. Fleiß- oder Aufgabenkärtchen sind eine gute Möglichkeit, der Aufräumbereitschaft der Kinder – auch innerhalb eines zeitlich festgelegten Rahmens – etwas nachzuhelfen.

Gut sortiert ist die halbe Miete

Ordnung halten fällt leicht, wenn alles seinen festen Platz hat. Dies gilt ebenso für das Kinderzimmer. Colquhoun empfiehlt gegen das tägliche Spielzeugchaos ein konsequentes Aufräum-Training und reichlich praktischen Stauraum. Daher sollten im Kinderzimmer ausreichend Schubladen, Boxen und andere Aufbewahrungsmöglichkeiten vorhanden sein. Kleinkram kann gut in Kartons gelagert werden. Meist sind sie umsonst erhältlich und können von den Kindern individuell beklebt oder bemalt werden. Versieht man sie mit einem Foto, weiß das Kind sofort, was in welchen Karton einsortiert wird. Die Zuordnung des Spielzeugs sollte gemeinsam mit dem Kind entwickelt werden. „Selbstbestimmung ist ein Schlüsselwort. Je mehr die Kinder mitentscheiden können, was in ihrem Zimmer wo wohnen darf, desto eher merken sie sich das“, erklärt Dr. Schaer. Wenn alles seinen zugewiesenen Platz hat, erlernen die Kinder das Aufräum- und Einordnungssystem schnell und problemlos und es geht nach dem Spielen leicht und wie von selbst von der Hand. Gleichzeitig lernen sie so auch, nach welchen Prinzipien Ordnung funktioniert und wie diese systematisiert wird: Wie ordne ich Bücher an? Wie sortiere ich Autos, Puppen und Bauklötze? Sortiere ich nach Form, Farbe oder Größe? Wenn sie älter sind, können Kinder auch ein eigenes, für sie sinnvolles Sortier- und Ordnungssystem entwickeln.

Regelmäßig ausmisten

Regelmäßiges Ausmisten verhindert undifferenziertes Horten von Spielzeug. Es bietet sich an, alles was durchgesehen und sortiert werden muss, in einer Kiste zu sammeln, die gemeinsam mit dem Kind an einem Tag in der Woche durchgearbeitet wird. Was ist kaputt, wofür ist das Kind zu alt, was wird nicht mehr gebraucht, womit wird gar nicht mehr gespielt, was kann gespendet werden? Auch hier muss darauf geachtet werden, dass Eltern nicht in Eigenregie ausmisten, sondern die Kinder miteinbezogen werden. Sie sollten selbst entscheiden können, was sie nicht mehr brauchen – ein wenig Überredungskunst verhilft meist auch Eltern zum gewünschten Erfolg. Der Anreiz, altes Spielzeug gegen einen Kinobesuch oder ein neues Spielzeug einzutauschen, motiviert übrigens ungemein.

Tabu heimliches Ausmisten

Heimlich hinter dem Rücken der Kinder aufzuräumen und auszumisten ist ein absolutes Tabu und bedeutet einen erheblichen Vertrauensverlust, warnt Glaser. Kinder identifizieren sich mit ihrem Besitz und was den Eltern billig und wertlos erscheint, kann für das Kind eine immense emotionale Bedeutung haben. Nur weil die Stocksammlung aus dem Wald nach Erwachsenenmaßstäben auf den Kompost und nicht ins Kinderzimmer gehört, bedeutet das nicht, dass dies eigenmächtig so entschieden werden darf. Besser ist es, diese in Absprache mit dem Kind draußen zu lagern.

Weniger ist mehr

Eine Regel, die Eltern unbedingt von Anfang an beherzigen sollten, und die verhindert, dass das Kinderzimmer überquillt: weniger Spielzeug bewusster kaufen. Colquhoun weist darauf hin, dass ein Kinderzimmer schließlich auch „praktischen Ansprüchen gerecht werden muss, damit es schnell aufgeräumt und saubergemacht werden kann.“ Ein sorgsam ausgewähltes Spielzeug-Kontingent sorgt dafür, dass das Kind die Übersicht behält und nicht überfordert wird – weder beim Spielen noch beim anschließenden Aufräumen. Eltern sollten zum Geburtstag des Kindes oder an Weihnachten die gerne großzügigen Verwandten rechtzeitig instruieren, was das Kind tatsächlich wünscht oder braucht. Achtet man zudem noch darauf, dass Kinder beim Spielen nicht alles auf einmal aus den Regalen und Schubladen zerren, sondern sich stattdessen auf ein oder zwei Spiele parallel konzentrieren, dämmt man die Gefahr des unkontrollierbaren Ausbreitens im Kinderzimmer rechtzeitig ein.

Buchtipps zum Thema:

Denise Colquhoun
Aufräumen mit Fräulein Ordnung

Entspannt und stressfrei mit Kindern leben
urania Verlag
16,99 Euro

Ute Glaser
Die Eltern-Trickkiste
GU Verlag
17,99 Euro

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