Familienleben

Achtsamkeit in der Schule

Claudia Berlinger · 30.07.2019

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Übungen gegen den Stress

Wenn ich meine Tochter frage, welche Fächer ihr in der Schule am meisten Spaß gemacht haben, höre ich meist Mathe, Englisch oder Deutsch. Es sei denn, es ist Donnerstag. Da lautet die Antwort immer: Yoga. Die Körperposen sind natürlich toll, aber am allerbesten sind die Fantasiereisen. „Da werde ich immer ganz ruhig.“ Vor allem gegen den hohen Lärmpegel und die permanente Aktivität in der Schule brauchen Kinder heute einen Ausgleich.

Wie war das bei uns?

Als ich Grundschülerin war, kam ich immer um 13 Uhr nach Hause. Dann wurde erst einmal gegessen, ausgiebig ausgeruht, im Garten gespielt oder eine Runde Gassi mit dem Hund gegangen. Am Nachmittag machte ich Hausaufgaben, schrieb oder malte und zwischendurch gab es auch mal Langeweile. Das ist freilich ein Tagesrhythmus, den sich heutige Schüler*innen nicht mehr vorstellen können. Ihr schulischer Tagesablauf ist durchgetaktet bis 16, 17 oder 18 Uhr, die Zeit im Familienverbund fällt deutlich geringer aus. Während (Grund)Schüler*innen früher mit Freunden um die Häuser zogen, sind sie heute betreut in Sport- oder Kreativkursen oder befinden sich in den eigenen vier Wänden – gerne mit Playdate. Aktive Ruhephasen finden eher selten statt. Wer praktiziert heute schon noch den gesunden Mittagsschlaf?

Die Warnsignale des Körpers sind unüberhörbar

Der Alltag von Familien hat sich sehr verändert. Oft sind beide Elternteile berufstätig und selbst am Limit ihrer Belastbarkeit. Da wundert es nicht, dass Reizüberflutung und Überforderungsempfinden auch schon für Kinder ein Riesenthema ist. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2017 klagen 43 Prozent der heutigen Schulkinder über Stresssymptome wie Kopf- und Rückenschmerzen und Schlafstörungen. Sogar Panikattacken sind für Schuler*innen keine Seltenheit. Das sind alles Warnsignale des Körpers, dass er dringend eine Ruhepause braucht. Die Ursachen dafür, dass die Institution Schule als Belastung empfunden wird, sind Leistungsdruck, Angst vor schlechten Noten, Gefühle von Einsamkeit und Mobbing.

Vor allem Hausaufgaben sind ein großer Stressfaktor: In vielen Fällen haben die Kinder einfach keine Zeit mehr, ihre Hausaufgaben zu erledigen und fallen dadurch negativ auf. Den Druck erzeugen aber nicht nur die Lehrer, auch Eltern haben hohe Anforderungen an ihre Kinder.

Achtsamkeitstraing ist wichtiges Handwerkszeug

Immer mehr Psychologen setzen sich dafür ein, das Thema Achtsamkeit zur Stressreduktion in die Schulen zu bringen. In einer hessischen Schule stehen neuerdings Körperwahrnehmung und Achtsamkeit sogar auf dem Stundenplan. In „stillen Pausen“ sollen die Schüler*innen die Erfahrung machen, nach innen zu lauschen und zu spüren, wie es ihnen eigentlich gerade geht. Im Achtsamkeitstraining lernen sie die Konzentration auf ihren eigenen Atem, auf ihren Körper und auf ihre Gefühle, um anschließend meditieren und ihre Gedanken und Gefühle beruhigen zu können.

Diese Psychoedukation scheint das wichtigste Handwerkszeug für unsere heutigen Kinder, um Gedanken zu beruhigen, ihre Gefühle zu regulieren, dem Stressempfinden aktiv entgegen zu wirken und ihre Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen.

Hier sind ein paar Übungen, die ihr mit euren Kindern praktizieren könnt:

  • Im Sitzen
    Setzt euch auf einen Stuhl, die Fußsohlen haben vollen Kontakt mit dem Boden, die Handrücken ruhen auf den Knien, die Handflächen zeigen nach oben. Haltet die Augen geschlossen, spürt nach innen und nehmt einfach wahr, wie es sich anfühlt, jetzt so zu ruhen. Achtet auf euren Atem und nehmt wahr, wie er sich beruhigt und tiefer wird.
  • Im Stehen
    Streckt ein Bein vor und hebt eure Arme in Verlängerung des hinteren Beines, die Handflächen zeigen zueinander. Spürt in den Körper, nehmt die Reaktionen wahr und atmet tief.
  • Der Baum
    Stellt euch aufrecht hin und verlagert euer Körpergewicht auf ein Bein. Hebt das andere Bein an und wenn möglich könnt ihr die Fußsohle an die Innenseite des Oberschenkels legen. Dann streckt ihr die Arme weit über die Seiten aus, bringt sie über dem Kopf zusammen und legt eure Handflächen aufeinander. Wiederholt die Übung mit dem anderen Bein.

Ihr werdet merken, dass ihr euch bei den Übungen viel ruhiger und entspannter und anschließend viel stärker fühlt.

Achtsamkeit mit Kindern
Heilung für unsere Kinder – und für unsere Welt

Achtsamkeit kommt ja ursprünglich aus dem Buddhismus. Thich Nhat Hanh und die buddhistische Gemeinschaft von Plum Village verfügen über viele Jahr Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. In diesem Buch mit beigefügter CD findet ihr einfache Übungen, Lieder und geführte Meditationen für einen besseren Umgang mit schwierigen Emotionen.

Ein friedlicher, ruhiger Ort
Ein Achtsamkeitskurs für Kinder und Jugendliche zum Umgang mit Stress und schwierigen Gefühlen

Amy Saltzman hat einen 8-Wochen-Achtsamkeitskurs entwickelt, der die Aufmerksamkeit, das Mitgefühl und die Resilienz stärkt. Im Verlauf der Übungsreihe lernen die Kinder und Jugendlichen einen friedlichen, ruhigen Ort in ihrem Inneren zu finden und gelassener in Konfliktsituationen zu reagieren. Als Unterstützung für alle Lehrenden ist im Arbor Verlag auch das ergänzende Praxisbuch erschienen.

Anderen mit Achtung begegnen

In einer Welt, die auch für unsere Kinder immer komplexer wird, werden die Tugenden wie Mut, Fairness und Achtsamkeit immer wichtiger. In dem Maße, wie wir die Tugend der Achtung erlernen, können wir sorgsam mit uns selbst, mit anderen und der Welt umgehen und uns und anderen mit Liebe und Freundlichkeit begegnen. Dieses Buch unterstützt Erwachsene, ihren Kindern durch Beispiel vorzuleben. Der „Elfenhelfer“ mit seiner leicht verständlichen Sprache und den herzlichen Illustrationen spricht in jedem Fall auch die Kinder an. Im Silberschnur Verlag ist eine ganze Reihe zum Umgang mit Gefühlen entstanden, die vom Elfenhelfer begleitet werden.

Achtsamkeit in der Schule

Vera Kaltwasser hat das AISCHU, also Achtsamkeit in der Schule-Programm entwickelt, das dabei unterstützt, achtsamkeitsbasierte Techniken in den Schulunterricht zu integrieren. In ihrem Buch plädiert sie für die Würdigung des Körpers, der mit seinen Emotionen, Gefühlen und Gedanken im Kontext der Schule oft als Störfaktor wahrgenommen wird. Es lernt sich aber nicht nur besser, wenn Körper, Gefühle und Gedanken in Einklang sind. Die aktive Selbstwahrnehmung verfeinert auch die Fähigkeit zur Selbstwirksamkeit. So können Kinder und Jugendliche (und wir Erwachsene) unsere Aufmerksamkeit besser lenken, Kreativität entfalten und Stressfaktoren gelassener begegnen.