Ausflug

„Agentur für Diebstahl“

Rebecca Ramlow · 03.04.2019

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Foto: Rebecca Ramlow

Foto: Rebecca Ramlow

Was wäre, wenn unsere Welt nicht von Reichen dominiert würde, sondern umgekehrt – von jenen, die arm sind? Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, in der Klauen staatlich gefördert wird? Mit „Agentur für Diebstahl“ hat das Comedia Kindertheater eine zum Nachdenken anregende Utopie inszeniert.

Austauschbares Dingsda

Die urban anmutende Bühne ist in rotes Licht und Dampf gehüllt, Mülltonnen und Autoreifen liegen herum. Auf einem sitzt ein Mensch, sich hinter einer Zeitung versteckend. Plötzlich poltert er von jenem herunter. Fortan dreht sich alles ums „Dingsda“. Doch was ist ein Dingsda? „Brauchen Sie ein Ding?“ Antwort: „Ich hätte gern ein Ding.“ Austauschbarer als das Wort „Ding“ kann wohl keine Vokabel sein. Und genau darum geht es.

Die Eingangsszene des Stückes „Agentur für Diebstahl“, das sich an Motiven von Italo Calvinos Gleichnis „Das schwarze Schaf“ orientiert, hat einen existenzialistischen Charakter. Die sich wiederholenden Dialoge zwischen den Schauspielern (Sibel Polat, Liliom Lewald und Nadja Duesterberg) sind immer gleich. Alles dreht sich um Besitz und um Arbeitswelten. Kein leichtes Thema für Kinder, die noch nicht viel Gespartes angehäuft haben, geschweige denn arbeiten. Wie bringt man einem jungen Publikum den Begriff „Kapitalismus“ bei? Das Comedia Theater nähert sich dem Thema in dieser Inszenierung von Regisseurin Anna Vera Kelle symbolisch: Wortwörtlich stecken die Schauspieler in industrialisierten Reifen und Mülltonnen fest, werden von ihnen platt gewalzt. Als würde der Müllberg des Kapitals sie von hinten überrollen. Einige Kinder lachen ob der Komik.

Wer regiert die Welt?

Das Stück „Agentur für Diebstahl“ hinterfragt Hierarchien. So wird ein Mitarbeiter von seinem Vorgesetzen gefeuert, weil er seinen Dings-Job nicht gut ausgeführt hat. Schließlich sind wir alle hegemoniale Strukturen gewohnt. Da oben sitzen die Mächtigen, und das ist das nun mal so. Was wäre jedoch, wenn unsere Welt nicht von Reichen regiert würde, sondern von denen ganz unten? Als jener Chef sich wegen zu viel Dings-Stress in den Dings verabschiedet, stehlen die anderen alles. Aber Klauen ist gar nicht so einfach. Auch müssen die Diebe sich entscheiden, ob sie Dinge stehlen und dabei ein Rückenleiden in Kauf nehmen, oder doch lieber arm bleiben. Offenbar fällt es schwer, vom Kapitalismus Abstand zu nehmen; so eingefleischt ist die Macht des Systems.

Staatlich gefördertes Klauen

Als der ranghöchste Dings aus seinem Dings zurückkehrt, ist er verwirrt: „Wo ist mein Dings?“ Gemeinsam entscheiden die Protagonisten, dass von nun an alle das Gleiche tun. Im Gleichschritt. Uniform. Kommunistisch. Die Regeln: Wir sind alle Diebe. Alles gehört allen ... Doch wer verteilt die Arbeit? Und was ist, wenn man das Dings lieber für sich behalten möchte? Sie gründen die „Agentur für Diebstahl“, die Stehlen staatlich fördern soll. Während in Calvinos Geschichte ein Ehrlicher die vermeintlich zufriedene, diebische Gesellschaft ins Chaos stürzt, lässt das Comedia Theater diese Frage offen.

Das Spannende an dieser Inszenierung ist, wie sich ein „erwachsenes" Thema an Kinder richtet. Vielleicht lebt ihre Generation ja später mal diese Utopie. Mein Kind sagt jetzt auf jeden Fall nur noch „Dings“.

Comedia Theater
Vondelstraße 4-8
50677 Köln
Tel. 0221 - 888 77 222

Wer sich vor dem Theaterbesuch mit dem Bilderbuch „Das schwarze Schaf" beschäftigen möchte, findet eine interessante Rezension auf der FAZ-Seite.

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