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Kindergeburtstag und Klischees

Kindergeburtstag und Klischees iStockPhoto.com © rich legg Es gibt sie wirklich, diese reinen Jungs- und Mädchengeburtstage. Da kämpfen als Star-Wars-Figuren verkleidete Jungs mit Lichtschwertern oder fünf Lillifees essen Glitzer-Kuchen. Von industriell verstärkten Unterschieden berichtet Katrin Gecht.

Eine wilde Horde Jungs mit Plastiksäbeln, Federhüten und Augenklappen rast über die Wiese. Das Geschrei kehlig, kleinjungenhaft tief gestellt. Ein Gerangel zwischen dem Blonden mit dem Papagei auf der Schulter und dem Braunhaarigen mit dem Holzbein-Imitat. Ein lauter Ruf aus der Regieecke am Motto-Partytisch ertönt, Eltern plus Omi versuchen aus der Entfernung zu schlichten. Der Rest der Bande läuft weiter gellendlaut schreiend durch den mit Piratenwimpeln geschmückten Garten. „Alle Mann auf das Schiff“, ruft ein röhrendes Stimmchen, alle – bis auf die zwei Streithähne – schwingen sich auf das Baumhaus, das mit Mast, Segel und Fahnen ganz auf Piratenschiff getrimmt ist. Mats feiert hier gerade seinen sechsten Geburtstag.

Mats Eltern haben weder Kosten noch Mühen gescheut

Fragt man seine Eltern, ist Mats ein „typischer Junge“ mit „typischen Jungen-Interessen“. Schnell war klar, dass sein Geburtstag eine Piratenparty werden sollte – mit Verkleidung, Schiff und einem Kuchengelage ganz im Sinne der rauen Kerle auf See. Viel Organisation war hierfür nötig, aber Mats Eltern haben weder Kosten noch Mühen gescheut, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Die Mottobox für den Piratengeburtstag war im Netz schnell ausfindig gemacht. Mit Tisch- und Wanddeko, einem Piratenspiel, Goldtalern, Plastiksäbeln und Mitgebseln für die Gäste enthielt sie alles Nötige. „Die Mottobox war ein echter Gewinn“, sagt Mats Mutter Sabine. „Schon alleine die Einladungskarten kamen total gut an bei den Jungs.“ Mädchen findet man an diesem Nachmittag im Garten nicht. „Nee“ sagt Mats und verzieht ein bisschen das Gesicht, „Mädchen feiern doch lieber Prinzessinnen-Geburtstag.“

Kein Kind will „untypisch” sein

„Mottogeburtstage verkaufen sich gut, aber sie sind ja zunächst eine Idee der Erwachsenen“, erklärt Almut Schnerring, Autorin des Buches „Die Rosa-Hellblau-Falle“, Radiojournalistin und dreifache Mutter. „Und wir dürfen nicht vergessen, dass viele Themen das jeweils andere Geschlecht ausgrenzen“, fügt sie hinzu. Ihrer Meinung nach lernen Kinder bereits vor Eintritt in den Kindergarten, dass Erwachsene die Piraten- und Abenteuerwelt den Jungs und den Prinzessinnen-Geburtstag den Mädchen zuordnen. „Und Kinder wollen zu der Gruppe, mit der sie sich identifizieren, dazugehören. Keines will ‚untypisch‘ sein“, beschreibt sie den Einfluss der erwachsenen Erwartungshaltung auf das kindliche Verhalten.

iStockPhoto.com © romrodinka

Gendermarketing der Spielwarenindustrie

In ihrem Buch hat sie sich, gemeinsam mit ihrem Mitautor Sascha Verlan, eingehend mit dem Klischee- und Geschlechterdenken rund um Mädchen und Jungen auseinandergesetzt. Ein wichtiger Bestandteil ist das sogenannte Gendermarketing. Das englische Wort Gender meint zu Deutsch die gesellschaftliche, soziale und kulturelle Geschlechterrolle, die von früh an erlernt ist und das Verhalten prägt. „Von allen Seiten wird Kindern suggeriert, Jungen und Mädchen seien ja so grundverschieden, hätten komplett andere Interessen und Fähigkeiten, passen also nicht so wirklich zusammen“, sagt Schnerring. Die Spielwarenindustrie könne auf diese Weise schlicht mehr Umsatz generieren. Ein weiterer Mehrwert für die Hersteller von Lillifee-Fahrrädern oder Spiderman-Gummistiefeln: Das Vererben an Geschwister oder Freunde des anderen Geschlechts werde erschwert, so Schnerring.

Jungen- oder Mädchengeburtstag?

Aber was hat das alles mit dem Thema Geburtstag zu tun? „Tatsächlich wird bei Kindergeburtstagen der Einfluss von Industrie und Marketing auf die Entwicklung unserer Kinder besonders deutlich“, erklärt Almut Schnerring. So würden diese Events heute mit der Schaffung künstlicher Unterschiede ökonomisch ausgeschlachtet. „Gab es früher einfach Kindergeburtstage, sind heute getrennte Mädchen- und Jungengeburtstage schon im Kindergartenalter verbreitet“, beschreibt sie die Situation. Die herstellerseitige Trennung in „typisch Mädchen“ und „typisch Junge“ hat sich ihrer Meinung nach in den letzten Jahren enorm verstärkt. Ein gutes Beispiel hierfür sei das Überraschungsei, das es inzwischen in einer Mädchen- und in einer Jungs-Variante gibt.

Es geht auch anders

Ein Garten im Kölner Norden an einem wolkenverhangenen Aprilsamstag: Nele, zweitjüngstes von insgesamt vier Kindern der Familie B. feiert hier gerade ihren fünften Geburtstag. Auf einem Trampolin tobt und kreischt sie mit zwei Mädchen und einem Jungen um die Wette. Auf der Wiese jagen ihr Bruder, weitere Jungs und ein Mädchen hinter einem Softball her. „Nele wollte erst nur Jungs einladen“, erzählt ihre Mutter Laura. „Sie hat sich gewünscht, dass wir eine Schnitzeljagd machen und das Fußballtor aufstellen“, berichtet sie von ihren Geburtstagsvorbereitungen. Währenddessen bringt Neles Tante ein Tablett mit einem riesigen Kuchen in Form einer Rakete in den Garten, begleitet von „Boahs“ und „Wows“ trägt sie ihn zum Tisch.

Weiterlesen: Kindergeburtstag und Klischees - Teil II

 

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Feiern Kindergeburtstag

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