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Erfahrungsbericht: Alkohol und schwanger

Erfahrungsbericht: Alkohol und schwanger Situationsbild zur Illustration / iStockPhoto.com © gilaxia Melissa ist 17 Jahre alt und weiß seit Herbst 2016, dass sie eine Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) hat. Die Ursache: Ihre leibliche Mutter hat während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert. Für uns hat Melissa aufgeschrieben, wie sie mit ihrer Situation zurechtkommt und wie sich das Leben mit FASD für sie anfühlt.

Unterstützung hat sie dabei von Lydia Richter bekommen, die beim Fachzentrum für Pflegekinder mit FASD Köln arbeitet. Sie hat Melissa einen kleinen Leitfaden mit Fragen gegeben, an dem sie sich beim Schreiben orientieren konnte.

Melissa hat den Text anschließend selbstständig und in mehreren Etappen geschrieben. Sie möchte nur ihren Vornamen im Netz oder in der Zeitung lesen und nicht abgebildet werden.

„16 Jahre lebe ich schon bei meiner Pflegefamilie. Mein Alltag läuft seit meiner Kindheit mit Struktur rund und dies brauche ich auch, weil ich Probleme im Alltag habe. Zum Beispiel vergesse ich oft, dass ich vor kurzem schon was gegessen habe und esse dann nochmal. Oder jeden Tag duschen zu gehen ist sehr schwer. Ich hatte sehr viel Stress mit meinen Eltern, weil ich so aggressiv war und dann war ich sehr lange bei einer anderen Familie, aber bin dann nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen.“

Lydia Richter ergänzt, dass das Projekt Husky Melissa und ihre Familie darauf hingewiesen habe, dass es die Behinderung FASD gibt. Husky ist eine Schutzstelle für Jugendliche zur Krisenintervention. Die Pädagogen dort hätten erklärt, dass Mütter, die in der Schwangerschaft Alkohol trinken, ihrem Kind schwer schaden können und dass Melissa Merkmale dieser Behinderung zeige. Daraufhin sei im letzten Herbst die Diagnose gestellt worden.

„Ich brauche mehr Zeit für Dinge, bin schnell überfordert"

„Mit der Diagnose FASD geht es mir zum Teil beschissen, aber auch überfordert. Ich bekomme jetzt mehr Leute um mich herum, die mir alle helfen wollen. Habe mehr Termine und das geht mir dermaßen auf die Nerven. Aber auch dass alle meinen, ich wäre ein kleines Kind, was nix schaffen würde ohne Hilfe. Aber das stimmt nicht. Ich brauche mehr Zeit für Dinge, bin schnell überfordert oder müde und werde dann aggressiv. Manchmal habe ich einen Tag, da schaffe ich alles alleine, jede Einzelheit, weil ich einen guten Tag habe und Lust habe, was zu tun. Aber die meiste Zeit habe ich wenig Lust, was zu machen und vergesse auch viel.

Mit meiner Familie läuft es momentan sehr gut. Aber Freunde hatte ich nie wirklich. Ich wurde sehr lange gemobbt, weil ich anders bin. Ich konnte mir nie erklären, weshalb ich so anders bin, aber nun weiß ich es und finde es gar nicht toll.

Ich kann alleine aufstehen, mich anziehen und fertig machen für die Schule. Aber ich vergesse dann immer ins Badezimmer zu gehen, Zähne putzen, zu duschen und so. Bei sowas bräuchte ich zum Beispiel Hilfe. Am Wochenende liege ich meistens nur im Bett und bin am Handy. Da fehlt mir die Struktur, aber in der Woche habe ich Termine zu denen ich meistens überpünktlich bin. Hilfe bräuchte ich zum Beispiel, wenn es um Geld geht, um Einkäufe, aber auch renovieren. Aber auch wenn es um technische Sachen geht wie zum Beispiel WLAN-Anschluss holen, Laptop kaufen, Steuern zahlen – halt Sachen, die man fürs Alleine leben können muss.

„Neue Menschen kennenzulernen ist sehr schwer für mich"

Mein Plan ist es, alleine zu leben, eine Arbeitsstelle zu haben und mein größter Wunsch ist es, wenn ich alleine lebe, eine Katze zu haben, die mir beisteht, egal bei welchen Problemen. Menschen kann ich mich nicht wirklich anvertrauen, neue Menschen kennenzulernen ist sehr schwer für mich, da brauche ich auch noch Hilfe, oder mit Menschen klarzukommen klappt auch nicht immer. Ich erwarte, dass Leute normal mit mir umgehen, aber auch akzeptieren, dass ich ausflippe. Ich brauche dann meine Auszeit und dann geht es wieder.“

Lydia Richter fügt noch hinzu, dass Melissa ab Herbst ein Vorbereitungsjahr im Berufsbildungswerk macht und im Anschluss daran vielleicht eine Ausbildung machen kann.

Köln, 9. August 2017

 

 

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